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SECHS TAGE IM HERBST
Drehbuch zu einem Coming Out Drama, 3. Fassung vom 12.09.07
Lektorat: Friedemann Fromm

Ein Drama zum Thema Lebensangst. Der ältere und alleine lebende Bankangestellte Severin Lüders wird durch ein Zusammentreffen mit dem drogensüchtigen, vermeintlichen Stricher Nikolai und dessen Ex-Freundin Moni gezwungen, sich mit seinen Gefühlen und seiner versteckten Homosexualität auseinanderzusetzen. Diese ist die Ursache seiner Lebensängste, die sein ganzes bisheriges Dasein dominiert haben. Doch damit ist jetzt Schluß: Es folgen sechs Tage, in denen das Leben von Severin Lüders eine dramatische Wende nimmt ... Lesen Sie unten das Drehbuch dazu!

Unsere Hauptfiguren:

Severin Lüders, 55, Liebenswürdig, Chefkassierer in einer kleinen Bankfiliale, nicht von geringem Bauchumfang, seriös, eher harmlos wirkend. Überängstlich, in sich gekehrt, doch freundlich zu Mitmenschen. ET-Wohnung im Stil der 80er, neuerer Mittelklassewagen.

Nikolai Dresewski, 25, Groß, wuschige Frisur, frechwitziger Charme, gutaussehend, durchtrainiert. Zwei Herzen schlagen in seiner Brust: Das des ehemaligen Polizisten, der die Welt retten will, und das des drogensüchtigen Strichers, der nur auf’s Geld für den nächsten Schuß fixiert ist.

Monika Moni Harlander, 24, Krankenschwester, ausgeprägte soziale Ader, hübsche Figur, hübsches Gesicht, aber vom Typ her eher "zupackend". Willensstark, hin und her gerissen zwischen ihrer Liebe zu Nikolai und der Abscheu vor dessen neuem Leben.

 

1. Reihenhaus Eltern Nikolai (Wohnzimmer/Diele/Küche). I/A/T

Ein Reihenhaus, ein sehr, sehr konservatives Wohnen, irgendwie noch im Style der Eighties, Eiche rustikal, sowohl in Küche wie auch in Wohnzimmer und Diele. povVater

VATER DRESEWSKI: Mutter, wo biste denn nun schon wieder? Wir wollen los!

Der Vater und Hausherr geht von der Diele ins Wohnzimmer. An einem Kalender vorbei, der ein Tagesdatum im Sommer und das Jahr zeigt: 1999. Die Frau des Hauses (Nikolais Mutter, leichter Sommermantel) rüttelt am Verschluß des Wohnzimmerfensters.

MUTTER DRESEWSKI: Ich will doch nur ...

VATER DRESEWSKI: Ich weiß. Solange wir verheiratet sind, geht das so. Du guckst, und guckst und guckst ... und sie sind doch alle zu. Du hast noch nie was offengelassen, die ganzen zwanzig Jahre lang.

MUTTER DRESEWSKI: Doppelt hält eben besser!

Mit einem liebevollen Kopfschütteln dreht sich der Vater und Hausherr um, geht durch die Diele zur Haustüre, die bereits offensteht, und verläßt sein Reihenhaus nach draußen.

VATER DRESEWSKI: Wir sind doch gleich wieder da. Komm jetzt!

Vor dem Haus parkt ein Mittelklassewagen, Typ Opel Vectra oder ähnlich. Bürgerlich, aber nicht der kleinste. An dem Wagen lehnt Nikolai. In Uniform eines Streifenbeamten. Kurzärmeliges Hemd, korrekt frisiert, offener Kragen. Hübsch anzusehen.

NIKOLAI: Können wir? Ich muß los.

VATER DRESEWSKI: Mutter kommt gleich.

Er bemerkt, daß Nikolai an der Fahrertür steht. In dem Moment geht Nikolai um den Wagen, öffnet dem Vater die Beifahrertür.

VATER DRESEWSKI stirnrunzelnd: (Willst Du etwa fahren?) Ich dachte, wir sollen Dich mitnehmen und nicht umgekehrt.

Nikolais Blick ist eine eindeutige Antwort. Nicht damit einverstanden, aber ohne Widerspruch, steigt der Vater in den Wagen. Auch die Mutter kommt, und mit einem charmanten Handkuß öffnet Nikolai ihr die hintere Beifahrertür, hilft ihr galant in den Fond und schließt die Türe.

Doch ein Zipfel des Sommermantels bleibt zwischen Tür und Karosse hängen.

Nikolai öffnet die Tür erneut, faltet den Sommermantelzipfel. Seine Mutter zieht den Mantel ins Auto und Nikolai schließt die Türe.

2. Wagen Vater/Fahrt durch einen Vorort. I/A/T

Nikolai sitzt am Steuer des Mittelklassewagens. Sein Vater rechts neben ihm. Die Mutter hinten. Nikolai fährt dem Vater zu schnell durch die Straßen des ländlichen Vorortes einer Großstadt. Dazu schnelle Musik aus dem Radio.

MUTTER DRESEWSKI: Also, das schaukelt ganz schön hier. Und ich wär‘ Dir dankbar, wenn Du die Musik leiser machen könntest. Das schallt so.

VATER DRESEWSKI zu Nikolai/mürrisch: Jetzt tu’s nicht so schnell!

NIKOLAI: Ach was, geht doch!

VATER DRESEWSKI ärgerlicher: Du sitzt nicht im Streifenwagen, verdammt nochmal!

Sie fahren auf eine Kreuzung zu. Von rechts naht ein Lastwagen.

NIKOLAI unbeirrt, lächelnd: Aber Dein Auto geht genausogut, alle Achtung! ... Außerdem will ich vor der Arbeit noch bei Moni vorbei.

Den Lastwagen, der von rechts kommt, bremst nicht. Die Ampel für Nikolai schaltet auf Gelb/Rot. Nikolai erfaßt die Gefahr der Situation, tritt das Gaspedal durch und versucht noch, über die Kreuzung rüberzukommen. Zu spät.

Crash (nur andeuten)

Schreie!

Dunkelheit!

3. (1.) Schloßgarten. A/N

Zwei Schuhe (Severin) gehen langsamen Schrittes durch den Schloßgarten, durch die in tiefer Nacht liegende Parkanlage der Großstadt. Laub liegt auf den Wegen; es ist Herbst. Drüben, vom Zentrum her, die Geräuschkulisse der City. Es sind viele Männer unterwegs; sie schauen sich an, sie taxieren sich; einige kommen miteinander ins Gespräch, andere nicht. Ein Trio in Lederklamotten mit Nieten fällt auf. Das Mondlicht hilft, die Männer, die sich zwischen den Büschen und Bäumen miteinander vergnügen, besser zu erkennen, als manchem lieb sein könnte. Severin (nur angeschnitten sichtbar) verharrt kurz, um zuzuschauen.

(Eine Stimme aus dem OFF setzt ein.)

MONI off

Scheiße nee, was alles im Leben schief gehen kann. Da denkst Du, wenn Du jung bist, kannst Du die Welt erobern. Hast nen tollen Beruf, Ziele, vielleicht Visionen ... und Du willst die Welt verbessern – am besten alles auf einen Schlag. Aber dann passiert was, was Dich von der Strecke wirft. Vom Gleis haut – auch auf einen Schlag. Etwas, mit dem Du nicht gerechnet hättest, von einer Sekunde auf die andere, und eh Du Dich versiehst, läuft gar nichts mehr so, wie Du Dir’s vorgestellt hast.

Währenddessen setzt Severin (jetzt deutlicher zu sehen) seinen Weg durch den Strich im Park fort. Junge Männer, 18, 20, 25 (Manuel, ein Latino), kommen ihm nach und nach entgegen und machen ihm schöne Augen. Doch Severin dreht sich weg, schaut zwar zu ihnen, läßt sich aber nicht ansprechen. Setzt seinen Weg fort, dreht sich in die Büsche und sieht aus der Ferne einen jungen Mann (Nikolai), der sich einem vor ihm knieenden Freier hingibt.

MONI off

Du wirst fallengelassen, von allen, stürzt ab, verlierst die Kontrolle, und raus aus Deiner Haut kann’ste auch nicht mehr. Es gibt eben nicht immer ein Zurück im Leben, daß geht mir so, daß geht Euch so ... daß ging auch dem Niko so, obwohl der im Grunde echt kein schlechter Kerl war, aber es ist eben alles schief gelaufen bei ihm, was nur schief laufen konnte. Und wenn man dann einmal mit dem Zeug anfängt, ist man’s ja selbst Schuld. Heißt es. Aber ist es auch so? Klaro, man muß ja nicht. Doch eins, zwei, drei, hängste in dem Teufelskreis drin, und wenn Dir da nicht geholfen wird, haste verloren. Und ob’s jemals besser wird? Ich weiß es nicht ...

Urplötzlich Fahrzeug- bzw Motorengeräusche. Aus allen möglichen Richtungen brausen Wagen heran. Das blaue Blitzen der Blaulichter zeigen den Menschen im Park, daß es nun unangehm wird.

Der junge Mann (Nikolai) stößt seinen Freier von sich weg, schließt den Reißverschluß und versucht zu flüchten. Vergeblich. Zwei Polizisten packen ihn und wollen ihn in ihre Gewalt bringen. Doch Nikolai wehrt sich, schlägt und teilt aus, fängt aber auch ein.

Severin erfaßt die Situation, verschafft sich in Sekundenschnelle einen Überblick und rennt über einen Seitenweg durch die Büsche.

Er schafft es, ungesehen zur Hauptstraße zu kommen, die den Schloßpark in zwei Abschnitte teilt. Schwer atmend sieht sich der Mittfünfziger um. Der Angstschweiß steht ihm auf der Stirn.

Er greift nach einem Taschentuch, bemüht sich um Haltung und wischt den Schweiß ab. Ein, zwei suchende Griffe nach seinem Tascheninhalt ... ja, der Autoschlüssel ist noch da. Dann realisiert Severin, wo er eigentlich ist. Hinter ihm, im Schloßgarten, Gerufe, Schreie, Kommandos. Die Razzia greift. Dann ein Rascheln hinter Severin: Manuel, einer der jungen Männer, die ihm eben noch schöne Augen gemacht haben, flüchtet ebenfalls, sieht Severin und rennt, was das Zeug hält. Severin geht nun los; tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Er geht zur nächsten Kreuzung. Doch so ruhig er nach außen hin wirkt, so aufgewühlt ist sein Inneres.

4. (2.) Seitenstraße am Schloßgarten. A/N

Kurze Zeit später geht Severin an einer Reihe parkender Autos vorbei. Er nimmt seinen Autoschlüssel und betätigt die Fernbedienung. Die Blinker leuchten auf. Severin erreicht seinen Wagen (beleuchtet durch Straßenlaterne), biegt ab in den schmalen Gang zwischen seinem und dem daneben geparkten Auto und erschreckt.

An der Fahrertür sitzt ein heftig blutender, junger Mann (Nikolai). Verwahrlost, unrasiert, strubbelige Haare, alte Klamotten. Das Blut rinnt ihm von einer Kopfwunde über das Gesicht. Er sieht furchtbar aus, als er – realisierend, daß jemand (Severin) ihm gegenübersteht – zu Severin aufsieht.

Der zuckt zusammen, als er das Blut sieht. Dann – nach einer Schrecksekunde – beugt er sich zu Nikolai, doch als der eine abrupte Bewegung nach oben macht, um wieder aufzustehen, tritt Severin zurück.

SEVERIN: Tut mir leid ... ich wollte Sie nicht stören.

NIKOLAI: Ist das Deine Karre?

SEVERIN: Ja.

NIKOKAI: Dann bring‘ mich weg von hier!

Severin zögert. Nikolai braust auf.

NIKOLAI: Hast Du mich nicht verstanden, Alter? Bring mich hier weg! Ich verblute, Mann!

SEVERIN ängstlich: Äh ... selbstverständlich ... Entschuldigung.

Nikolai geht auf die Beifahrerseite des Wagens und öffnet die Türe. Severin schaut auf die Fahrertüre. Nein, keine Blutspuren oder sonstige Beschädigungen. Nikolai sitzt bereits im Wagen, als Severin einsteigt.

5. (3.) Wagen/Fahrt zur Notaufnahme. A/I/N

Nikolai klappt die Beifahrersonnenblende runter und schaut sich im Spiegel an. Ein kleiner Blutfleck an der Blende bleibt nicht aus. Severin schaut entsetzt; Nikolai begreift sofort.

NIKOLAI: Keine Angst, ich mach Dir Deine Scheißkarre schon nicht dreckig.

Severin schluckt nur, sagt nichts und fährt.

NIKOLAI: Bring mich zum Krankenhaus! Das am Zubringer.

SEVERIN: Gut.

Mit einem Auge ist Severin auf der Straße; mit dem anderen Auge auf Nikolai. Severin ist aufgewühlt: Er hat Angst vor dem, was eventuell auf ihn zukommen könnte, aber er spürt, daß mit diesem Moment ein Abenteuer bevorsteht.

NIKOLAI schaut nach rechts aus dem Wagen: Du warst auch im Park, stimmt’s?

Severin schweigt.

NIKOLAI: Naja, keine Antwort ist auch ne Antwort. Ich hab Dich da schon gesehen, also gib Dir keine Mühe. Verlogenes Hetenpack, alle.

Severin atmet durch. Nikolai geht zum Angriff über. Er wirkt gehetzt.

NIKOLAI: Hast’e ne Frau oder sowas?

SEVERIN: Nein, ich lebe alleine.

NIKOLAI: Haus, Wohnung?

SEVERIN: Eine Eigentumswohnung, wieso?

NIKOLAI lacht kurz auf: Das paßt. Spießerkarre, Eigentumswohnung. Und nachts im Park kleine Jungs ansprechen und an sich rumfummeln lassen.

Severin schweigt und konzentriert sich auf der Verkehr. Er fühlt sich durchschaut.

NIKOLAI: Und keiner darf’s wissen, was Du so treibst, stimmt’s ... also, da vorne rechts, da ist die Klinik.

Severin konzentriert sich auf das Fahren. Nikolai schaut sich den Wagen an.

NIKOLAI: So schlecht is’ser ja gar nicht. N’Diesel? Wieviel PS hat er denn?

SEVERIN penibel: (spielauto-entsprechende Angabe)

Severin biegt ab, fährt die Straße zum Krankenhaus hinaus und bremst davor ab.

NIKOLAI: Halt vor der Notaufnahme! Da arbeitet ne Freundin von mir

SEVERIN: Da dürfen nur Krankenwagen in Notfällen ...

NIKOLAI aufbrausend: Schau mich an, Alter – seh ich nicht wie ein Notfall aus oder was?

Schweigend beschleunigt Severin wieder und fährt auf die Rampe zur Notaufnahme.

Nikolai springt aus dem Wagen und knallt die Tür hinter sich zu. Severin schaut ihm neugierig nach.

Die Notaufnahme ist durch große Glaswände von draußen gut einsehbar. Severin schaut zu, wie Nikolai durch die Schiebetür in dem Krankenhaus verschwindet.

6. (4.) Notaufnahme. I/N

Nikolai läuft suchend durch die Notaufnahme. Pflegepersonal und Ärzte sehen ihn, wollen ihn ansprechen, aber Nikolai achtet nicht auf sie, sondern eilt durch die Räumlichkeiten auf der Suche nach ...

MONI off: Was machst Du hier? Hau ab!

Nikolai dreht sich um. Moni steht hinter ihm. Als sie das Blut in seinem Gesicht sieht, erschreckt sie. Doch die Schrecksekunde währt nicht lange.

NIKOLAI: Na, wie sieht das aus hier? Ich brauche Deine Hilfe, Schatz.

MONI: Verschwinde! Verschwinde dahin, wo Du hergekommen bist!

NIKOLAI: Hey, ich bin verletzt! Brauchst Du ne Sehhilfe oder was?

MONI: Das letzte Mal, als Du mich gebraucht hast, hast Du Medikamente geklaut und ich fast meinen Job verloren! Ich will nicht mehr, hörst Du? Ich habe ... ich kann nicht mehr. Verschwinde endlich aus meinem Leben! Ein für allemal! Ich hab’s versucht, Dir zu helfen, es hat nicht geklappt – ich kann nicht mehr!

Die Lautstärke, in der die beiden reden, lockt weiteres Personal an. Ein Arzt kommt.

MONI: Verschwinde, bevor es zu spät ist!

ARZT: Ach, der schon wieder! Wenn Sie nicht sofort hier verschwinden, rufen wir die Polizei.

Nikolai lacht nur verächtlich, als er das Wort ‚Polizei‘ vernimmt.

MONI flehend: Geh schon, ich verliere meinen Job!

NIKOLAI: Ihr Wichser! Ihr müßt mir helfen! Das ist unterlassene Hilfeleistung!

ARZT: Ihre Platzwunde können Sie zu Hause auskurieren. Das Blut ist schon geronnen. Da passiert nichts mehr. Und, eins noch ... wenn Sie sich schon prügeln, dann bitte demnächst so, daß von Ihnen nichts mehr übrig bleibt. Und jetzt raus!

Nikolai ist außer sich vor Wut. Er fegt medizinische Utensilien von einem Wagen, der ihm im Weg steht.

NIKOLAI: Fickt Euch doch ins Knie!

Seine haßerfüllten Blicke fallen auf Moni. Die kann nicht verhindern, daß ihr ein, zwei Tränen über die Wangen laufen. Der Arzt sieht das.

ARZT: Lassen Sie ihn! Stricher, Junkies ... es lohnt nicht, für so jemanden ne Träne zu vergießen. Ein paar Jahre noch, dann verpaßt er sich den goldenen Schuß, und das war’s dann sowieso.

MONI traurig: Ich hab ihn mal geliebt ...

ARZT mit kritischem Blick auf Moni: Sind Sie sicher, daß die Vergangenheitsform, in der Sie sprechen, die richtige Ausdrucksweise ist?

Moni bleibt eine Antwort schuldig.

7. (5.) Vor der Notaufnahme. A/I/N

Severin parkt immer noch vor der Notaufnahme. Just in dem Moment, in dem er fahren will, kommt Nikolai aus der Tür. Dreht sich um und tritt gegen den Glastürflügel. Doch die Tür hält stand. Moni ist entsetzt. Dann sieht Nikolai, daß Severin noch vor Ort ist. Sofort geht er zu dem Wagen, reißt die Tür auf.

Moni sieht, wie sich Nikolai in den Wagen setzt.

Nikolai zieht die Tür hinter sich zu.

NIKOLAI zu Severin: Los, worauf wartest Du!?

SEVERIN verständnislos: Was ... ?

NIKOLAI: Die Schweine helfen mir nicht!

SEVERIN: Das müssen sie. Dazu sind sie verpflichtet!

NIKOLAI angenervt: Theoretisch, nach dem Gesetz. Aber nicht, wenn Du da schon mal den Medizinschrank leergeräumt hast, keine Versicherung hast und n Junkie bist. Und jetzt quatsch keine Opern, sondern drück auf’s Gas, Mann!

Severin schluckt und fährt los.

SEVERIN off: Und wohin?

Moni sieht dem wegfahrenden Mittelklassewagen nach.

8. (6.) Wohnung Severin (Diele, Bad). I/N

Severins Wohnung liegt im Dunkel. Dann klappert ein Schlüssel an der Türe. Die Korridortüre wird geöffnet; Severin faßt zum Lichtschalter und betritt dann die Wohnung. Der Garderobenständer, die Hausschuhe, die Fußmatte – alles ganz ordentlich. Überall Parkettboden. Kleine Teppiche. Severin zieht sich die Schuhe aus. Ihm folgt Nikolai.

SEVERIN: Schuhe ausziehen wäre hilfreich. Der Boden ...

NIKOLAI: Wie bei Muttern ... Haste eigentlich kein Schiß?

SEVERIN gewarnt: Schiß?

NIKOLAI: Einfach so jemanden aus dem Park mit nach Hause nehmen. Gefährliche Sache. Sollte man nicht tun. Hat schon so manchen das Leben gekostet.

Severin schluckt. Zu spät.

NIKOLAI hört nicht drauf: Wo ist das Bad?

SEVERIN mit Fingerzeig: Da vorne.

Nikolai geht ins Bad, läßt die Türe aber auf. Sofort zieht er sich oben rum aus und beginnt damit, sich das Gesicht zu waschen.

Das Blut läuft ins Waschbecken. Nikolai hält den ganzen Kopf unter den Wasserhahn und wäscht sich das Blut aus den Haaren. Als er die Wunde berührt, schreit er auf vor Schmerz.

NIKOLAI: Au! Scheisse!

Severin tritt ins Bad.

SEVERIN: Alles in Ordnung?

NIKOLAI: Ja, Mann.

Severins Blicke bleiben am sportlichen, aber lädierten (blaue Flecken) Oberkörper Nikolais hängen. Etwas zu deutlich. Nikolai registriert das durch einen Blick in den Spiegel.

NIKOLAI: So was hast Du auch nicht alle Tage in Deinem Bad, stimmt’s?

Severin reißt sich ertappt los.

SEVERIN: Kann ich noch irgendwas für Sie tun?

NIKOLAI: Nee, aber kannst ruhig Du zu mir sagen. Ich heiße Nikolai.

Severin weiß nicht, wie er mit seiner neuen Bekanntschaft umgehen soll. Der Reiz des Neuen überwiegt; er beschließt, sich auf Nikolai einzulassen, weil er ahnt, ihn sowieso nicht mehr loszuwerden in dieser Nacht.

SEVERIN: Severin Lüders.

NIKOLAI: Gut, nachdem wir das geklärt haben, laß mich alleine. Oder will’ste mir beim Pissen zusehen?

Nikolai öffnet den Klodeckel.

SEVERIN befremdet: Nein, danke.

Dann geht Severin aus dem Bad und schließt die Tür hinter sich, während Nikolai zu pinkeln anfängt.

9. (7.) Wohnung Severin (Wohnzimmer). I/N

Severin schaut auf die altdeutsche Standuhr. Es ist kurz vor Mitternacht. Sein Wohnzimmer ist in gemütlichem Altdeutsch eingerichtet; alles wirkt ordentlich, out of fashion, aber stimmig arrangiert. Vom Möbelstück in Eiche über die langweiligen Landschaftsbilder bis hin zur Stereoanlage und dem Fernseher in der Schrankwand. Ein paar Bilder von Verwandten auf einer Anrichte; ebenso ein paar Flaschen Alkohol. Severin setzt sich, atmet schwer. Wird müde.

Etwas später betritt Nikolai das Wohnzimmer. Nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleidet. Er wirkt ruhiger, der "Dampf" aus dem Krankenhaus ist raus. Severin schluckt; Nikolais Auftritt bringt ihn ins Schwitzen.

NIKOLAI: Hab geduscht.

SEVERIN: Das sehe ich. Es ist übrigens schon halb eins.

NIKOLAI: Ach, ja? Mußt ins Bett?

SEVERIN: Ich muß früh raus morgen.

Nikolai schaut sich im Wohnzimmer um. Was er sieht, läßt ihn den Kopf schütteln.

NIKOLAI: Also, so ganz hip wohnst Du ja nicht. Sieht aus, wie bei mir ...

(... zu Hause, sprichts aber nicht aus. Seine Miene verfinstert sich.)

SEVERIN: Ich fühl mich wohl so.

NIKOLAI: Mußte selbst wissen. Jedem das Seine. (lächelt jetzt) Und, sag schon, wo sind die Pornofilmchen, hä?

Nikolai ist sich sicher, daß es sowas gibt, und will Severin aus der Reserve locken. Severin schweigt.

NIKOLAI: Kann mir doch keiner erzählen, daß Du Dir nicht irgendwo ein paar geile Filmchen versteckst.

Nikolai sieht die Bilder auf der Anrichte, auf der auch ein paar Flaschen Alkohol stehen.

NIKOLAI: Wer sind die?

SEVERIN: Meine Schwester, Schwager ... mein Neffe.

NIKOLAI: So ne richtige, kleine Familie. Nett! verächtlich

Sagt er. Aber sein Gesichtsausdruck verrät, daß er selbst gerne ne "kleine Familie" hätte bzw gar nichts gegen so etwas hat.

Nikolai steckt sich eine Zigarette an.

SEVERIN: Eigentlich wird hier nicht geraucht.

Nikolai nimmt einen Zug. Die Asche fällt auf den Parkettboden. Sofort eilt Severin dorthin und liest die Asche auf. Nikolai setzt sich auf einen Sessel, legt die Füße auf den Tisch, sieht Severin erst kopfschüttelnd zu, lehnt sich dann zurück und schaut rauchend an die Decke.

Ein Gespräch kommt nicht zustande. Verstohlen schaut Severin auf den Oberkörper seines Gastes. Nikolai bricht das Schweigen.

NIKOLAI: Hab Hunger!

10. (7.1.) Wohnung Severin (Küche). I/N

Severin brutzelt ein Steak in der Pfanne, ist fertig damit und tischt auf. Der Eßtisch in der Küche ist gedeckt: Teller mit dampfenden Bratkartoffeln, Besteck, sogar Servietten. Nikolai nimmt eine und schüttelt angesichts der schwülstigen Verzierung grinsend den Kopf. Dann liegt das Stück Fleisch vor ihm und er greift zu.

NIKOLAI: Bischen klein, find’ste nicht auch?

SEVERIN: Ich koche ja sonst nur für mich. Mehr als ein Steak hab ich nicht im Kühlschrank gehabt.

NIKOLAI mit Blick auf Severins Bauch: Wundert mich eigentlich, bei Deiner Wampe.

Severin schluckt. Verlegenes Schweigen.

SEVERIN: Du hast keine eigene Wohnung?

Nikolai schweigt und ißt.

SEVERIN: Möchtest Du noch etwas trinken dazu? Einen Wein vielleicht?

NIKOLAI haut rein: Nn. (nein).

Severin läßt Nikolai beim Essen nicht aus den Augen. Dabei nimmt er ein Glas aus dem einen Schrank, eine Flasche Wein aus einem anderen Schrank, verschüttet diesen aber beim Einschenken. Er ist eben nervös; die Situation ist neu und reizvoll zugleich. Severin bemüht sich um ein Gespräch.

SEVERIN: Bist Du denn ganz alleine? Hast Du niemanden? Für zu Hause und so?

Nikolai ist fertig mit Essen, antwortet nicht.

SEVERIN verklärt lächelnd: Es ist schön, für jemanden zu kochen. Darfs noch Nachschlag sein?

NIKOLAI: Nee!

Dann verläßt Nikolai die Küche. Severin sieht ihm nach und räumt dann das Geschirr zusammen.

11. (7.2.) Wohnung Severin (Wohnzimmer). I/N

Severin kommt ins Wohnzimmer zurück. Er reibt sich die Hände nach dem Abwasch mit einem Handtuch trocken. Nikolai hat es sich auf dem Sofa bequem gemacht, zappt durch die Fernsehsender. Dann sieht er auf der Anrichte eine Flasche Whiskiy.

Nikolai holt die Flasche von der Anrichte und nimmt einen Schluck.

NIKOLAI: Wo kann ich pennen?

SEVERIN: Ich wußte nicht, daß Sie ... daß Du hier übernachten willst.

NIKOLAI grunzt verächtlich: Weißt Du eigentlich, wie spät es ist? Wo soll ich jetzt noch hin?

SEVERIN: Naja, trotzdem, ich dachte nicht ...

NIKOLAI gespielt verführerisch, fällt ins Bayerische: Komm, davon träumst Du doch immer, so nen Traumtyp wie mich neben Dir in der Kiste zu haben. Außerdem, schau mal auf die Uhr ... willst mich jetzt noch rausschmeißen? Um die Zeit jagt man keinen Hund vor die Tür, erst recht nicht so’nen hübschen wie mich.

Dackelblick: Severin schaut Nikolai an. Jetzt, wo er frisch gewaschen ist, ruhig und satt auf der Couch liegt, sieht er viel besser aus, als zuvor. Nikolais Körper ist anzusehen, daß er mal regelmäßig trainiert hat; nur ein paar blaue Flecken an den Armen passen nicht. Sein Wuschelkopf hingegen läßt Nikolai spitzbübisch sympathisch aussehen; sein Lächeln tut das Übrige dazu.

Ohne eine Antwort von Severin abzuwarten, geht Nikolai in die Diele.

12. (8.) Wohnung Severin (Diele, Arbeitszimmer, Schlafzimmer). I/N

Nikolai schaut auf der Suche nach dem Schlafzimmer zuerst ins Arbeitszimmer: Ein aufgeräumter Schreibtisch, Fachbücher, ein Computer. Dann findet er das Schlafzimmer: Ein Doppelbett – altdeutsch, beide Betten sauber gemacht – ein Schlafzimmerschrank, dazu passend. Alles sehr ordentlich. Eine Digitaluhr mit Leuchtziffern auf dem Nachttisch Sie zeigt neben der Uhrzeit auch das Datum an: 2005. Über dem Bett ein Oelgemälde mit einer Seenlandschaft. Nikolai verzieht sein Gesicht und nimmt erneut einen Schluck aus der Flasche.

NIKOLAI: Naja, besser als unter ner Brücke.

Dann legt er sich ins Bett; verkriecht sich bis zum Brustkorb unter der Decke.

Severin folgt kurze Zeit später. Sieht, daß Nikolai bereits im Bett liegt. Er zögert, nimmt sein Bettzeug, will erst ins Wohzimmer, überlegt es sich aber dann anders. Bleibt. Severin schaltet das Deckenlicht aus, zieht sich aus, schlüpft in den Schlafanzug. Ganz diskret. Das Mondlich fällt auf Nikolais Gesicht. Severin schaut ihn an. Sekunden vergehen.

NIKOLAI schon im Halbschlaf: Anfassen ist nicht, klar?

SEVERIN: Natürlich. Entschuldigung.

Nikolai antwortet nicht mehr. Severin jedoch kann die Blicke noch nicht von den Gesichtszügen Nikolais lassen, doch dann übermannt auch ihn die Müdigkeit.

(Zwischenschnitt)

Morgentliche Impressionen aus der Stadt, in der wir drehen; Kamera endet auf dem Gebäude des Wohnhauses von Severin.

(Schnitt zurück zur Szene)

Severin ist bereits angezogen: Grenzenlos langweiliger, dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, Mantel. Er geht auf Hausschuhen durch das Schlafzimmer und zieht die Gardinen auf. Nikolai wird abrupt wach, reibt sich die Augen. Er sieht schlecht aus. Severin registriert ein leichtes Zittern; so, als friere Nikolai.

NIKOLAI zieht sich die Decke bis zum Hals: Was soll das?

Severin greift nach Nikolais Jacke, die auf einem Stuhl liegt, und wirft sie angewidert auf das Bett.

SEVERIN: Ich muß zur Arbeit. Ich ... Du mußt gehen.

NIKOLAI: Ich geh‘ nirgendwo hin. Mir geht’s nicht gut.

SEVERIN: Du kannst doch nicht alleine hier bleiben.

NIKOLAI: Wieso denn nicht? Mir geht’s Scheisse.

SEVERIN: So geht das nicht!

Nikolai schweigt. Dreht sich wieder zur Seite. Severin steht hilflos vor dem Doppelbett.

SEVERIN sehr hilflos, fast ängstlich: Aber nirgendwo drangehen, hörst Du?

NIKOLAI grinst verächtlich ins Kissen: Na klar, woran schon? Deine Briefmarkensammlung?

Severin geht, als Nikolai ihn zurückruft. Nikolai zittert heftiger, ist aggressiver.

NIKOLAI: Ich brauch Asche.

SEVERIN: Bitte?

NIKOLAI: Asche, Geld, Kohle ... klar? Der Typ von gestern hat nicht bezahlt, weil die verfickten Bullen kamen.

Severin überlegt.

NIKOLAI gereizt: Jetzt stell Dich nicht so an!

Severin atmet durch, zieht seine Geldbörse und legt Nikolai ein paar Euro auf die Bettdecke.

NIKOLAI: Na also!

SEVERIN: Sehen wir uns noch?

NIKOLAI: Klar, ich wohn doch jetzt bei Dir.

Severin sagt nichts darauf, geht aus dem Schlafzimmer, schaut noch mal kurz zurück ... und dann: Ein Lächeln auf seinem Gesicht. Endlich, er ist nicht mehr alleine.

13. (9.) Stadtbank. A/T

Establisher (Severins Arbeitsplatz)

14. (10.) Stadtbank (Büro Severin). I/T

Severin an seinem Arbeitsplatz. Er wirkt gelöst, fast erheitert aufgekratzt. Marianne, seine Sekretärin, kommt mit einer Tasse Kaffee in das Glaskastenbüro in der Kassenhalle der kleinen Bankfiliale.

MARIANNE: Guten Morgen, Severin.

SEVERIN bestens gelaunt: Morgen, Marianne.

MARIANNE mißtrauisch: So gut gelaunt heute?

SEVERIN: Ist das so selten, daß Du extra fragst?

MARIANNE: Wie lange arbeiten wir jetzt schon zusammen? 15 Jahre, 3 Monate und 11 Tage. Glaubst Du, da kennt man seinen Vorgesetzten nicht?

SEVERIN stutzt: So genau weißt Du, wie lange ...

Marianne fühlt sich ertappt. Sie weiß, daß sie mit dieser Unbedachtheit etwas zu erkennen gegeben hat, was sie im Grunde nicht zu erkennen geben wollte.

MARIANNE beeilt sich: Einer unserer Kassierer, der Jondral, der hat eine Differenz im gestrigen Abschluß.

SEVERIN noch über Mariannes Worte nachdenkend: Wer?

MARIANNE: Uwe Jondral. Der Neue.

Severin schaut durch die Glaswand in die Kassenhalle. An einer Kasse sitzt ein verhältnismäßig junger Mann (etwa 20) und bedient eine Kundin.

SEVERIN: Immer wieder bleue ich Ihnen ein, daß sie aufpassen sollen. Jeder Cent zählt, verdammt noch mal. ... Aber, das wird er schon noch kapieren.

MARIANNE verwundert: Keinen Verweis? Keinen Eintrag in die ...

SEVERIN: Nein, Marianne, heute wollen wir mal fünfe gerade sein lassen.

MARIANNE jetzt erst recht skeptisch: Also, nun sag schon, wieso hast Du so gute Laune? Man könnte meinen, Du bist verliebt!

Severin räuspert sich ertappt. Marianne schaut ihn neugierig an. Dann betritt ein weiterer Angestellter der Bank das Glaskastenbüro: Abteilungsleiter Dieter Mersmund, etwa 50, hochgewachsen, schlank, elegant aussehend.

MERSMUND: Morgen, Frau Böckmann, morgen Herr Lüders. Sagen Sie, wie schaut’s aus bei Ihnen? Ich gebe die Woche ein Essen für die Kollegen aus, die wie ich jetzt knapp 30 Jahre bei der Bank sind. Wenn Sie wollen, sind Sie herzlich eingeladen, Herr Lüders. Sie können auch gerne Ihre Frau (zögert) ... ach ja, Sie sind ja ... (windet sich) Sie sind ja Single, wie man so neudeutsch sagt.

SEVERIN: Trotzdem Danke für die Einladung.

MERSMUND: Danke. Bis später. Einen schönen Tag noch.

So schnell, wie er gekommen ist, ist Mersmund auch schon wieder weg.

MARIANNE nachdenklich: Das ist es. Bist Du ... hast Du jemanden kennengelernt, wegen Deiner guten Laune?

Severin sieht, daß sie Angst hat vor einer Antwort.

SEVERIN: Nicht so, wie Du denkst. Aber, jetzt laß uns endlich arbeiten.

Er widmet sich seinen Unterlagen. Marianne bedauert dies offensichtlich und verläßt dann Severins Arbeitsbereich.

15. (11.) Wohnung Severin (Schlafzimmer). I/T

Nikolai liegt immer noch im Bett. Er zittert jetzt heftiger. Trotz Decke. Dann klingelt es. Einmal, zweimal, doch Nikolai denkt nicht dran, nachzusehen, wer da ist. Er springt auf, greift nach seiner Jacke auf dem Bett, durchsucht sie. Vergeblich. Scheisse.

Dann fallen seine Blicke auf die paar Euro. Er nimmt sie, zählt die Scheine, flucht.

NIKOLAI: Der Arsch. Sein Kleingeld hätt‘ er auch behalten können.

Es klingelt wieder. Doch er hört nicht hin, sondern sucht seine Sachen zusammen.

(Schnitt auf)

Es ist Monika, die geklingelt hat. Sie steht vor dem Haus, entfernt sich von der Klingelleiste, sieht die Fassade des Mehrfamilienhauses hoch. Eine Frau aus dem unteren Stockwerk schaut durch das Fenster. Moni sieht sie, schaut noch mal, erkennt, nichts erreichen zu können und geht. Doch dann kehrt sie um und gibt der Frau am Fenster ein Handzeichen.

16. (12.) Stadtbank (Kassenhalle, Büro Severin). I/T

Severin ist bei Uwe Jondral, dem Neuen, an dessen Kasse.

SEVERIN: ... müssen Sie sich einfach besser konzentrieren. Klar, die meisten Belege werden elektronisch erfaßt, und deswegen dürfen wir bei der manuelle Eingabe noch weniger Fehler machen, als bisher.

JONDRAL: Was nützt die ganze Elektronik, wenn wir soviele Kunden vor der Kasse haben und uns beim Zählen vom Geld vertun?

SEVERIN großzügig: Lassen Sie das bitte niemanden von Ihren Chefs hören, verstehen Sie? Ich behalte das für mich, jetzt, wo wir das ausgeglichen haben.

JONDRAL erstaunt: Danke. Warum tun Sie das? Wo Sie doch sonst immer so streng sind.

SEVERIN gut gelaunt: Wegen der zehn Euro wollen wir ja nun die Kirche im Dorf lassen.

Dann taucht Moni auf. Sie schaut sich um. Fragt die erstbeste Person, die nach Bankangestellter aussieht, etwas. Die zeigt auf das Glaskastenbüros von Severin.

SEVERIN mit Augenzwinkern: Also, passen Sie das nächste mal besser auf!

Severin sieht Moni, mißt der aber keine Bedeutung zu, bis Moni zu Marianne, seiner Sekretärin, geht. Die schaut verwundert.

MARIANNE: Sie wollen zu Herrn Lüders?

MONI: Ja, Severin Lüders. Ich muß ihn sprechen. Privat.

Moni ist nervös. Marianne dementsprechend sehr skeptisch und sehr neugierig.

MARIANNE: Was wollen Sie von Herrn Lüders. Privat? Einen Kredit?

MONI: Kredit. ... Nein. Ja, genau. Einen Kredit. Einen Privatkredit.

Sie weiß, daß sie bescheuertes Zeug redet, aber sie zieht es durch. Sie erkennt, daß Marianne in eine Richtung schaut; einer Richtung, aus der ein ältlicher Herr (Severin) ziemlich neugierig hinter der Kasse hervorkommt.

(Zeitsprung)

Man hat gerade Platz genommen. Moni sitzt Severin nun in dessen Glaskastenbüro in der Kassenhalle gegenüber. Sie rutscht unruhig auf den Stuhl hin und her. Severin registriert Mariannes neugierige Blicke von außen.

SEVERIN: Junge Dame, was kann ich für Sie tun? Aber eins sag ich Ihnen gleich; Kredite, da sind Sie bei mir falsch.

MONI: Ich will keinen Kredit. Ich brauchte nur ne Ausrede, um ungestört mit Ihnen reden zu können.

SEVERIN überrascht: Reden? Ich wüßte nicht, worüber wir zu reden hätten. Ich kenne Sie ja nicht einmal.

MONI: Oh, Entschuldigung. Moni ... Monika Harlander ist mein Name. Ich bin Krankenschwester in der Klinik am Zubringer. In der Notaufnahme ...

Moni merkt, daß es nun in Severin klingelt.

SEVERIN gewarnt: Und?

MONI: Tun Sie nicht so unschuldig! Sie waren da, letzte Nacht. Ich will wissen, was Sie mit ihm gemacht haben! Haben Sie ihn im Park aufgegabelt? Haben Sie ihm Geld gegeben, ihn geschlagen? Haben Sie ihn vielleicht noch wegge ...

Moni erkennt jetzt erst selbst, in welche Richtung sie denkt.

MONI: Haben Sie ihn etwa umgebracht? Wo ist er?

Severin kommt ins Schwitzen. Angstschweiß. Panik vor dem, was da kommt.

SEVERIN: Ich muß schon sehr bitten. Sonst geht es Ihnen noch gut? Was erlauben Sie sich? Ich weiß nicht einmal, von wem Sie reden!

MONI: Sie lügen! Von Nikolai, meinem Ex-Freund. Gestern Abend haben Sie ihn blutend zum Krankenhaus gebracht. Als sie wegfuhren, war er bei Ihnen im Wagen. Ich habe mir Ihr Kennzeichen gemerkt und einen Freund beim Ordnungsamt angerufen. Daher weiß ich, wo Sie wohnen und wer Sie sind. Ihre Nachbarin hat mir verraten, wo sie arbeiten.

SEVERIN geschockt: Meine Nachbarin? Sie fragen meine Nachbarn nach mir aus?

MONI: Ich will doch nur ...

SEVERIN wütend: Raus! Sofort raus hier!

Severin steht aus seinem Stuhl auf und weist Monika so heftig die Tür, daß Kollegen aus der Kassenhalle auf ihn aufmerksam werden. Auch Marianne geht nun wieder zu dem Büro. Severin öffnet die Glaskastentüre und wirft Moni hinaus.

SEVERIN: Tut mir leid, unsere Bank kann Ihnen leider nicht helfen.

MONI lächelnd: Das glaub ich allerdings auch. Aber wir sehen uns wieder! Versprochen!

Moni verläßt die Kassenhalle. Marianne geht besorgt auf Severin zu.

MARIANNE: Was war das denn? Ist alles in Ordnung bei Dir?

SEVERIN schwitzend: Die jungen Leute heutzutage ... sowas von aufdringlich ...

Er schließt die Tür und setzt sich an seinen Schreibtisch. Marianne bleibt draußen und glaubt ihm kein Wort. Sie sieht, wie Severin sich den Schweiß von der Stirn wischt.

17. (13.) Hauptbahnhof. A/T

Bahnhofsvorplatz. Übliches Kommen und Gehen zwischen Haupteingang und Imbißbuden. Nikolai streift ziellos durch dieses Getümmel. Offensichtlich auf der Suche nach etwas oder jemandem, dabei nervös, gereizt, zitternd. Er braucht Drogen.

In dem Moment sieht er zwei Streifenbeamte. Diese erkennen ihn offensichtlich. Nikolai schaut betreten weg und dreht ab, in eine andere Richtung.

Unweit von ihm wartet ein etwa zehnjähriges Mädchen an einer Haltestelle der Straßenbahn. Nikolai taxiert die Leute, die sich in seinem Umfeld befinden und sieht dabei auch das Mädchen. Als ein heruntergekommener, etwa vierzigjähriger Mann sich dem Mädchen in eindeutiger Weise nähert, schreit das Mädchen auf. Nikolai greift ein. Sein Zittern, seine Gereiztheit verschwindet. Jetzt ist er wieder Polizist, wie früher.

NIKOLAI: Hey, Arschloch, laß die Finger von der Kleinen, hörst Du? Verpiß Dich!

Das Mädchen zuckt angesichts des lautstarken Auftretens Nikolai zusammen.

MANN besoffen: Was willst’n Du?

Nikolai wendet den Polizeigriff an und stößt den Mann weg.

NIKOLAI: Das wirst Du sehen, wenn Du erst wieder in der Gosse liegst, wo Du hingehörst. Sich an kleinen Mädchen vergreifen, ist das Letzte! Hau ab!

Die umstehenden Passanten schauen betreten zur Seite. Die Kleine hat Tränen in den Augen. Der Mann trollt sich. Nikolai wendet sich dem Mädchen zu, kniet vor ihm nieder und wählt tröstende Worte.

NIKOLAI: Ist vorbei, er ist weg. Dir kann nichts mehr passieren. Alles ist gut, ja?

Doch dann kommt ein Ehepaar dazu. Offensichtlich die Eltern des Mädchens, denn das fällt dem Ehepaar sofort in die Arme. Die Eltern sind sichtlich erregt.

VATER_MÄDCHEN: Lassen Sie die Finger von meinem Kind!

MUTTER_MÄDCHEN: Das ist unglaublich. Nicht mal fünf Minuten kann man sein Kind warten lassen, schon wird es von irgendwelchen Drogensüchtigen und Triebtätern angegriffen. Ruf die Polizei!

NIKOLAI aufbrausend: Hey, ich hab Ihrem Kind helfen wollen ... ich bin kein ... ich hab ihr doch nur geholfen, Mann!

VATER_MÄDCHEN erhebt die Hand zum Faustschlag: Verschwinde, ehe ich mich vergesse!

Die Passanten schauen Nikolai fast drohend an. Nikolai spürt, daß er hier keinen Blumentopf gewinnen kann.

VATER_MÄDCHEN: Hau endlich ab!

MUTTER_MÄDCHEN: Einsperren sollte man sowas!

NIKOLAI: So hab ich’s gern! Nicht auf Eure Tochter aufpassen, aber mich zur Sau machen. Verlogene Spießer!

Der Vater erhebt erneut drohend seine Hand. Nikolai verschwindet in der Menschenmenge, entdeckt dann aber den, den er sucht: Seinen Dealer.

DEALER ironisch: Gute Vorstellung eben! Aber, Undank ist der Welt Lohn. So is’ses nun mal.

NIKOLAI: Quatsch keine Opern. Hast Du was dabei?

DEALER: Money makes the world go round.

Nikolai zieht das Kleingeld von Severin aus der Tasche. Während des Gespräches gehen sie unauffällig durch die Menschenmenge. Doch Nikolais Zittern kehrt zurück.

NIKOLAI: Mehr hab ich nicht.

Der Dealer lacht.

DEALER: Dafür laß ich Dich nicht mal nen Blick drauf werfen.

NIKOLAI: Mann, mach‘ keinen Scheiß. Ich brauch das Zeug.

DEALER: Wenn Dich so Deine Bullenkollegen von früher hören könnten, die würden sich schlapplachen.

NIKOLAI: Das ist kein Spaß hier! Ich brauch was!

Der Dealer bleibt stehen und deutet auf drei Männer, die – unabhängig voneinander – an einem Treppengeländer stehen und sich umschauen.

DEALER: Da, Deine Kundschaft. Du weißt doch, wie das geht. Blowjob gibt Geld gibt Stoff. Worauf wartest Du?

Nikolai denkt nach, schaut angewidert zu den Männern rüber, weiß aber, daß das seine einzige Chance ist.

NIKOLAI: Scheiß Typen!

Langsamen Schrittes geht er auf die Männer zu, die sich ihm sofort neugierig zuwenden.

18. (14.) Stadtbank (Parkplatz). A/T

Severin hat es sehr eilig, zum Parkplatz hinter der kleinen Bankfiliale zu kommen. Er steigt in seinen Mittelklassewagen, wirft die Aktentasche auf den Rücksitz, läßt die Fahrertürscheibe runter. Da taucht Marianne auf.

MARIANNE: Du, wegen vorhin, sag mal, was war denn das für eine junge Frau?

SEVERIN: Ach, nichts, weißt Du, nichts von Bedeutung.

MARIANNE: Wenn das nichts von Bedeutung ist, weiß ich nicht, warum Du sie rausgeworfen hast. Das war ja nicht zu übersehen.

Dann fällt ihr Blick auf den Beifahrersitz. Ein dunkler Fleck. Blut.

MARIANNE: Was ist das denn?

Severin folgt ihrem Blick und erstarrt. Doch er fängt sich sofort wieder.

SEVERIN: Nichts. Etwas Dreck, sonst gar nichts. Mach’s gut. Bis morgen.

Dann läßt er den Motor an, legt den Gang ein und setzt fast fluchtartig zurück.

Mariannes Neugier ist endgültig geweckt.

19. (15.) Wohnung Severin (Diele, Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer). I/T

Severin betritt die Diele. Legt die Aktentasche säuberlich hin. Der Fernseher läuft. Ein Musiksender. Severin geht ins Wohnzimmer, doch Nikolai ist nicht da.

SEVERIN schaltet den Fernseher ab: Nikolai?

Doch er erhält keine Antwort. Er schaut kurz ins Bad, ins Schlaf- und Arbeitszimmer, aber Nikolai ist nicht da. Er atmet tief durch.

SEVERIN: Naja, ist vielleicht auch besser so.

Dann kommt ihm eine Idee. Er geht ins Wohnzimmer zurück und kontrolliert, ob alles da ist. Nein, es fehlt nichts. Fernseher, Stereoanlage, alles da. An den Schränken war auch niemand. Er atmet auf, schaltet den Fernseher auf die Nachrichten um und setzt sich in seinen Sessel. Reibt sich müde die Augen.

(Schnitt zur Bilderfolge/Montageszene)

Sekunden später erhebt er sich, zieht die Hausschuhe über, verschwindet im Anzug im Schlafzimmer und kommt in leichter Cordhose und Feinrippunterhemd wieder raus.

Geht in die Küche, macht sich ein Brot.

Setzt sich vor den Fernseher, ißt. Zappt lustlos durch die Kanäle.

Blättert durch seine Briefmarkensammlung aus dem nun offenen Schrank.

Liest die Zeitung. Schaut auf die Uhr. 22:00. Draußen ist es dunkel.

Schaut sich hübsche junge Männer in einer Illustrierten an. Schaut wieder auf die Uhr. 23:00. Schaltet den Fernseher aus.

Legt sich ins Bett. Ein Blick auf den leeren Platz, auf dem die Nacht zuvor Nikolai geschlafen hat. Schaltet das Licht aus. Seine Hand berührt sanft streichelnd das Kissen, auf dem Nikolai gelegen hat.

(Schnitt zurück zur Szene)

Severin schläft. Die Digitaluhr auf dem Nachttisch zeigt 3:30 an. Dann setzt ein Sturmklingeln ein; an der Tür hat’s jemand scheinbar ganz eilig. Severin erwacht. Er dreht sich um, schaut auf die Digitaluhr. Robbt sich aus dem Bett. Greift nach dem Bademantel, während das Klingeln ununterbrochen weitergeht.

20. (16.) Wohnung Severin (Bad, Diele). I/N

Severin drückt den Türöffner und macht die Korridortür auf. Sekunden später hetzt Nikolai in die Wohnung. Doch anstatt zu schimpfen ...

SEVERIN: Nikolai. Endlich. Ich hab mir solche Sorgen gemacht.

Doch der hört gar nicht hin, sondern hechtet ins Bad. Er ist extrem aufgekratzt, zittert, braucht seine Drogen. Er wirkt wie ein Wrack. Nikolai streift die Jacke ab, entledigt sich des Hemdes und des T-Shirts darunter, greift in seine Jacke und holt Spritze und Heroin raus. Severin folgt ihm und ist angesichts dessen, was er sieht, entsetzt. Seine Blicke streifen Spitze, Nadel, das Gummiband, mit dem Nikolai sich den Arm abbindet, Nikolais dreckige Wäsche.

SEVERIN: Was machst Du da?

NIKOLAI barsch: Wonach sieht’s denn aus?

SEVERIN: Du weißt, daß Du Dich damit umbringst, oder?

NIKOLAI: Du bist nicht meine Mutter! Also red‘ nicht so!

SEVERIN: Saubere Wäsche könntest Du auch gebrauchen.

NIKOLAI sieht an Severin hoch, lacht hysterisch: Das mußt ausgerechnet Du mit Deiner Feinripp-Kacke sagen.

Severin schließt den halboffenen Bademantel.

NIKOLAI: Sieht auch nicht besser aus.

SEVERIN: Wo warst Du den ganzen Tag?

NIKOLAI: Ficken. Für die paar Mucken, die Du mir gegeben hast, konnte ich mir das Zeug nicht kaufen.

SEVERIN: Dafür war es auch nicht gedacht.

Nikolai verpaßt sich einen Schuß. Severin ist auf eine abstoßende Art und Weise davon fasziniert, was er sieht. So etwas ist vollkommen neu für ihn. Er weiß nicht, ob er angeekelt sein soll, oder nicht. Severin weiß gar nichts mehr.

Nikolai wirkt nach der Injektion wie weggetreten. Er stützt sich am Klo ab. Severin nimmt die schmutzige Wäsche und tut sie in die Waschmaschine. Immer wieder fallen seine Blicke auf Nikolai.

SEVERIN: Warst Du dafür mit Männern zusammen?

Nikolai schweigt.

SEVERIN: Waren es gutaussehende?

Nikolai schaut Severin lange, fast apathisch, an.

SEVERIN: Ich meine, besser aussehend als ich?

Nikolai antwortet immer noch nicht, steht auf ... sieht Severin skeptisch auf dessen Äußerung hin an, grinst kopfschüttelnd ... und streift die Hosen ab.

Severin sieht die dreckige Unterhose, nimmt sie und steckt sie angewidert ebenfalls in die Waschmaschine.

Nikolai sieht das beiläufig und geht ins Schlafzimmer.

Severin schließt die Waschmaschine und folgt ihm.

21. (17.) Wohnung Severin (Schlafzimmer). I/N

Nur den Unterleib knapp mit der Bettdecke verdeckt, liegt Nikolai wie ein Embryo gekrümmt im Bett. Severin legt sich neben ihn. Zögerlich, sehr zögerlich, streckt Severin seine Hand nach Nikolai aus und berührt ihn sehr zärtlich am Hals. Als er ebenso zärtlich mit seiner Hand die Schulter berührt, dreht sich Nikolai um und schaut ihn hellwach an.

NIKOLAI: Was willst Du? Nen Blowjob?

SEVERIN: Entschuldigung. Ich wollte nur mal ...

NIKOLAI: Wofür entschuldigst Du Dich? Ich lieg in Deinem Bett und Du bist geil. Ist doch klar.

SEVERIN: Ich wollte Dir nicht zu nahe treten.

NIKOLAI: Du willst ficken. Was sonst? Ist ja vermutlich auch schon ne Zeitlang her bei Dir. Willst Du? Komm, sprich’s aus! Sag ja!

SEVERIN: Ich ....

NIKOLAI: Oder kriegste keinen mehr hoch? Warum könnt Ihr alten Leute nicht einfach aussprechen, was ihr wollt?

SEVERIN: Ich bin müde. Ich will schlafen, muß morgen ...

NIKOLAI: ... früh raus. Jaja, ich weiß. Dann laß mich auch in Ruhe, klar? Und, merk Dir, ohne Moos nix los. Das gilt auch für Dich.

SEVERIN: Ich habe verstanden. Gute Nacht.

Doch es wird keine gute Nacht. Nikolai gibt keine Ruhe.

NIKOLAI: Du gibst schon auf? Hätt‘ ich nicht gedacht.

SEVERIN: Wieso nicht?

NIKOLAI: Weil das, was Typen wie mich im Park aufliest, eigentlich nur notgeiles Pack ist, denen gar nichts anderes übrig bleibt als die schnelle Nummer im Gebüsch. Ehemänner, alte Schwule, und niemand darf’s wissen.

Severin schweigt.

NIKOLAI: Wieso hast Du überhaupt gewartet auf mich, vor der Klinik gestern?

SEVERIN: Ich weiß nicht.

NIKOLAI: Du stehst auf mich, oder? Nee, daß ist es nicht. Ich glaub, Du stehst auf alles, was jung und knackig ist. Nur, ich war eben der erste ... der Erstbeste. Sei mal ehrlich – willst Du mit mir oder willst Du nicht? Komm, sag’s!

SEVERIN: Ich weiß es nicht.

NIKOLAI: Du weißt nicht, ob Du geil bist oder nicht?

Das Rauschgift wirkt. Nikolai ist "gut" drauf.

NIKOLAI: Also, ich weiß echt nicht, was Du für ne Nummer bist. Lebst in’ner hausgemachten Spießeridylle, hast keine Frau, keinen Typ ... wieso hast Du eigentlich keinen Typ? Irgendwie noch so’n alten Sack oder ... was Junges. Ist doch ne Eigentumswohnung hier, sagt'ste. Wenn Du Geld hast, krieg'ste auch nen jungen Typen aus der Szene.

SEVERIN: Und sonstwas dazu.

NIKOLAI lacht: Sonstwas dazu? Verstehe. Schiß vor Aids. Und dann nimmt er mich mit nach Hause. Klingt irgendwie widersprüchlich.

SEVERIN schreckt auf: Bist Du infiziert?

NIKOLAI sarkastisch, aufbrausend: Das glauben doch alle ... bist’n Junkie, hast’e Aids.

SEVERIN: Und, hast Du?

NIKOLAI: Keine Sorge, Du überlebst die Nacht.

SEVERIN: Das ist keine Antwort.

NIKOLAI: Ne andere kriegst Du nicht!

Severin schweigt.

Als es Nikolai zu langweilig wird, steht er auf und geht ins Wohnzimmer. Ohne Licht anzuschalten. Doch es ist hell genug, um die Fernbedienung für das TV-Gerät zu finden. Das Geplärre des Musiksenders zerreißt die nächtliche Stille im Haus. Nikolai dreht auf. Konzertlautstärke.

Severin richtet sich auf, schaut auf die Digitaluhr und brüllt ins Wohnzimmer.

SEVERIN: Mach den Fernseher aus!

Keine Reaktion. Severin steht auf, geht ins Wohnzimmer und schaltet das Gerät ab.

NIKOLAI off: Langeweiler!

SEVERIN off: Du kannst nehmen und haben, was Du willst. Aber solange Du hier in dieser Wohnung bist, gelten meine Regeln. Ist das klar?

Wutentbrannt kommt Severin wieder zurück ins Schlafzimmer und legt sich hin. Es dauert nicht lange, da folgt ihm Nikolai. Nackt (in Dunkelheit!) im Türrahmen stehenbleibend.

NIKOLAI: Du kannst ja richtig fuchsig werden. Ist da doch noch ne Spur von Temperament?

SEVERIN: Gib endlich Ruhe!

Nikolai geht ins Bett und ist dann seinerseits derjenige, der streichelt.

NIKOLAI: Aha, seh ich doch, da geht noch was. Also, dann schlaf, bevor der böse Junkie Dich ansteckt.

Severin dreht sich zur anderen Seite.

(Zeitsprung)

Draußen ist es hell. Severin – wieder in Arbeitskleidung – sieht absolut übernächtigt aus. Er will ins Büro aufbrechen und vergewissert sich, daß Nikolai noch schläft.

Für einen kurzen Moment hält er inne, greift in eine Kommode und nimmt den Zweitschlüssel seiner Wohnung an sich, legt ihn aber auf die Bettkante. In diesem Moment wird Nikolai wach.

NIKOLAI: Das nenn ich Vertrauensvorschuß.

SEVERIN: Morgen!

NIKOLAI: Gehst arbeiten?

SEVERIN: Ja.

Dann hellen sich seine Gesichtszüge auf.

SEVERIN: Vorher will ich aber noch eine Erledigung für Dich machen!

NIKOLAI wird wach: Für mich? Cool. Warte, ich komm mit.

Splitterfasernackt springt er aus dem Bett. Aber er zittert leicht, als er an Severin (ins Bad) vorbeigeht.

Severin atmet tief durch, als er Nikolai an sich vorbeigehen sieht.

22. (18.) Hausflur Severin. I/T

Severin schließt die Korridortür, als er geht. Nikolai spurtet bereits die Treppe runter, als beiden plötzlich die Nachbarin aus der Wohnung unter Severin entgegenkommt.

NACHBARIN: Moin, moin, Herr Lüders. Gut, daß ich Sie sehe. Ich wollte gerade zu Ihnen.

SEVERIN: So?

NACHBARIN: Guter Mann, ich hatte ja bisher keinen Grund, mich über Sie zu beschweren, also, so als Nachbar, meine ich. Von Ihnen hört und sieht man ja nichts, war richtig angenehm mit Ihnen all die Jahre. Aber in den letzten zwei Tagen ist ja ne Menge los. Erst klingelt so ne junge Frau Sturm bei Ihnen, und heute – mitten in der Nacht – auch die wahre Klingelorgie. Von der lauten Musik um vier Uhr mal ganz zu schweigen. So, so, guter Mann, geht das nicht! Und, abgesehen davon, so janz gesund sehen Sie auch nicht aus.

SEVERIN eingeschüchtert: Entschuldigung. Wird nicht wieder vorkommen.

Severin beeilt sich, an ihr vorbeizugehen und überläßt sie einfach sich selbst.

NACHBARIN: Das hoffe ich! Das hoffe ich sehr!

23. (19.) Kaufhaus, Innenstadt. I/T

Severin und Nikolai betreten ein Kaufhaus. Nikolai guckt fragend, weiß nicht, was das soll und folgt Severin.

In der Abteilung für Herrenunterwäsche sucht Severin den passenden Ersatz für Nikolais dreckige Wäsche aus. Nikolai kann das nicht fassen, lächelt kopfschüttelnd, widerspricht aber nicht. Severin gibt sich Mühe bei der Auswahl und greift nur zu den besseren Marken. Feinripp und ähnliches läßt er außen vor. Auch ein T-Shirt ist noch drin. Nikolai probiert es an. Alles paßt.

Severin hat sichtlich Spaß daran, auf diese Weise mit Nikolai umzugehen. Der grinst nur, läßt Severin aber gewähren.

Als er die Ware der Kassiererin gibt, schaut diese ihn fragend an.

VERKÄUFERIN: Also, ihre Größe ist das aber nicht.

Sie blickt zur Seite, sieht Nikolai, denkt sich ihren Teil.

SEVERIN: Das paßt schon, keine Sorge.

VERKÄUFERIN: Ganz, wie Sie wollen.

Sie scannt die Preisaufkleber.

VERKÄUFERIN: 100,46 €.

Severin greift zur Karte.

Nach dem Bezahlen drückt Severin Nikolai die Tüte in die Hand. Sichtlich happy mit dem, was er soeben getan hat. Sie gehen zur Rolltreppe.

NIKOLAI lachend: Verrückt. Du bist völlig durchgeknallt. Echt!

SEVERIN: Wieso, kannst Du doch gebrauchen.

NIKOLAI herausfordernd: Was bin ich für Dich, he?

Severin weiß es nicht, was er darauf antworten soll.

NIKOLAI: So hat sich jedenfalls lange keiner mehr um mich gekümmert.

Die beiden erreichen den Ausgang. Nikolai gibt Severin die Tüte zurück.

SEVERIN: Wenn Du willst, kann ich ja mehr für Dich ...

NIKOLAI: Schon klar! Suchst jemand zum Bemuttern, oder? Oder als Heizkörper für die Nacht?

Severin fühlt sich irgendwie ertappt.

NIKOLAI: Na, für’n Anfang ... Nimm die mit in den Wagen, ja? Ich hab noch was zu erledigen.

Nikolai beeilt sich zu gehen. Von diesem schnellen Abgang ist Severin überrascht. Er hat Angst, einen Fehler gemacht zu haben.

SEVERIN ängstlich: Sehen wir uns später?

NIKOLAI augenzwinkernd: Viel Spaß bei der Arbeit.

Dann verschwindet er in der Menschenmenge. Severin sieht ihm erst bedauernd nach, schaut dann aber auf die Tüte, findet alles gut und geht beschwingt (hoffnungsvoll) weiter.

24. (20.) Stadtbank (Tiefgarage). I/T

Severin steigt aus seinem Wagen aus. Die Tüte aus dem Warenhaus nimmt er raus, um sie in den Kofferraum zu legen. Doch überraschenderweise steht Marianne neben ihm.

MARIANNE: Morgen. Schon Einkäufe gemacht? So früh?

SEVERIN räuspert sich: Du ... Du weißt doch, was bei uns los ist. In der Mittagspause wird es immer so eng mit der Zeit.

MARIANNE: ... und abends: Du, weißt Du, was ich mir gedacht habe? Wir könnten mal wieder zum Essen gehen, nach Feierabend.

Das paßt Severin gar nicht in den Kram.

SEVERIN: Du Marianne, also, sonst gerne, aber nicht heute, ich ...

Marianne hat das gar nicht anders erwartet.

MARIANNE: Schade. Sehr schade. Dann laß uns nach oben gehen.

Severin ist gar nicht wohl dabei.

MARIANNE: Du siehst auch sehr schlecht aus. Für wen ist eigentlich Dein Eingekauftes? Für die junge Frau von ...

SEVERIN: Nein!

Severin leidet unter dem Verhör. Marianne sieht das und hört damit auf.

25. (21.) Stadtbank (Kassenhalle)/vor der Stadtbank. I/A/T

Später am Vormittag. Severin geht inspizierend durch die Kassenhalle. Doch er guckt gar nicht richtig hin, sondern läuft eher nachdenklich durch den Raum. Marianne läßt ihn dabei nicht aus den Augen. Als er hinausschaut, entdeckt er Moni. Die Sonne scheint. Sie sitzt auf dem Rand eines Brunnens vor der Bank. Severin tritt nach draußen. Sein Herz pocht.

Doch er geht auf Moni zu.

SEVERIN: Was machen Sie hier? Was wollen Sie schon wieder?

MONI: Tag auch. Ich ... ich wollte mich entschuldigen.

SEVERIN sauer: Ach, wirklich?

MONI: Ich hätte Sie gestern nicht so überfallen dürfen.

Diese Stimmlage stimmt Severin versöhnlich. Er schaut sich die junge Frau genauer an. Sie gefällt ihm; ihr sympathisches Äußeres veranlaßt Severin dazu, sich neben sie zu setzen.

MONI: Das hätte ich allerdings nicht zu hoffen gewagt.

SEVERIN: Was?

MONI: Daß Sie sich setzen. Was sagt denn Ihr Vorzimmerdrachen dazu?

SEVERIN schmunzelt: Marianne ist nicht die Schlechteste.

MONI: Kennen Sie sie schon lange?

SEVERIN: Ja, sehr lange.

Kurzes Schweigen.

MONI: Ich glaube, sie liebt Sie.

SEVERIN entsetzt: Was ... ich ...

MONI lacht: Das ist Ihnen noch nicht aufgefallen, oder?

SEVERIN atmet durch: Nein, das ist es nicht.

MONI: Cool. Ihr arbeitet zig Jahre zusammen und wißt nicht mal, was der eine für den anderen empfindet.

SEVERIN: Wieso rede ich überhaupt mit Ihnen über sowas?

Abrupter Themawechsel.

MONI: Ist er bei Ihnen?

Severin ringt mit sich, ob er antworten soll.

MONI: Ich glaube, Sie wissen ganz genau, daß ich ihn sehr gut kenne. Ich denke, Sie wollen wissen, wer er ist. Ich weiß nicht, ob Sie ihn lieben oder ob Sie ihn be(zahlen)... ihn über Wasser halten. Aber ich liebe ihn, und ich will nicht, daß er so endet, wie er enden wird, wenn nicht was passiert. Auch, wenn es für mich besser ist, ihn nicht wiederzusehen. So Jungs wie Niko machen einen kaputt, wissen Sie?

Kurze Pause. Severin fühlt sich nach diesen Worten wohler bei Moni. Er weiß, daß das, was sie über Nikolai sagt, auch er – Severin – selbst so sieht.

SEVERIN: Er hat bei mir am Wagen gesessen, am Park, gestern. Man hat ihn wohl zusammengeschlagen. Es hat eine Razzia gegeben.

MONI: Sie haben ihn erst da kennengelernt?

Severin nickt.

MONI überrascht: Und wollten ihm helfen? Sie kennen ihn doch gar nicht!

Severin schweigt.

MONI: Ich konnte ihn nicht verarzten in der Klinik. Meine Vorgesetzten haben mich gewarnt. Wenn sie ihn noch einmal da sehen würden ... sie hätten mich fast entlassen, als Niko die Medikamente aus der Notaufnahme geklaut hat.

SEVERIN: Verstehe.

MONI: Waren es Polizisten, die ihn verprügelt haben?

SEVERIN: Ich weiß es nicht, ich hab es nicht gesehen. Wieso?

MONI traurig: Früher war er einer von Ihnen! Und so was von Traumtyp, nett, cool drauf, Familienmensch ...

Severin schaut Moni erstaunt an.

(Schnitt zur Rückblende)

Sonntagnachmittag. Gedeckter Kaffeetisch. Eine Geburtstagstorte mit einer 20 draufgezuckert steht auf dem Tisch. Die Eltern von Nikolai sitzen bereits davor, als Moni das Zimmer betritt und Nikolai Moni erst umarmt, zärtlich küßt und ihr galant den Stuhl zum Sitzen bereitet. Nikolai in guter Kleidung, gut frisiert und widerum hübsch anzusehen.

MARIANNE off: Severin ... Severin ... Du mußt nach Hause.

(Schnitt zurück zur Szene)

Urplötzlich kommt eine aufgeregte Marianne aus der Bank gerannt.

MARIANNE: Deine Nachbarin ist am Telefon. Bei Dir muß die Hölle los sein. Du mußt sofort los.

Dann erst erkennt sie Moni wieder.

MARIANNE sehr abweisend: Guten Tag.

Severin beeilt sich, in die Bank (zum Wagen) zu kommen. Moni folgt ihm und wirft Marianne als Erwiderung auf deren Gruß ein Schulterzucken des Bedauerns zu.

26. (22.) Vor dem Wohnhaus Severin. A/T

Die Nachbarin wartet schon. Als Severin vorfährt und aus dem Auto steigt, zetert sie los.

NACHBARIN: Also, lieber Herr Lüders, so geht das nicht!

Severin hört gar nicht hin, denn gegen den Lärm (Musik), der aus seiner Wohnung auf die Straße schallt, kann sich die Nachbarin eh nicht durchsetzen.

NACHBARIN: Das ist eigentlich ein Fall für die Polizei! Sie können mir dankbar sein, daß ich zuerst in der Bank angerufen habe. Das hab ich nur getan, weil Sie so lange ein so guter Nachbar waren.

Er schließt nervös die Haustüre auf und verschwindet im Flur. Moni folgt ihm, wendet sich dann an die Nachbarin.

MONI: Vielen Dank auch. Echt nett von Ihnen, nicht die Bul ... die Polizei anzurufen.

Dann verschwindet auch Moni im Haus. Hinter ihr die Nachbarin.

27. (23.) Wohnung Severin (Diele, Wohnzimmer, Schlafzimmer). I/T

Die Party läuft auf Hochtouren. Leere Bierflaschen, leere Pizzakartons, Asche, Papier, Zigarettenstummel, leere Spritzen: Schlimmere Folgen kann eine Drogenparty für eine Wohnung nicht haben. Bilder hängen schief an der Wand, undefinierbares Geschmiere an derselben. Überall Qualm von den Joints. Es sind etwa 15 Leute in Severins Wohnung, als er diese mit Moni und der Nachbarin im Schlepptau betritt. Das blanke Entsetzen steht ihm ins Gesicht geschrieben. Moni ist die erste, die sich fängt.

MONI: Niko! Niko, wo bist Du?

Manuel, der Latino-Stricher, erkennt Moni und deutet in Richtung Schlafzimmer. Die Nachbarin ist entsetzt.

NACHBARIN zu Severin: Nette Freunde haben Sie da neuerdings, Herr Lüders. Das geht jetzt zu weit! Das werden wir mal auf der nächsten Eigentümerversammlung zur Sprache bringen, da können Sie sich drauf verlassen.

Moni eilt dem sprachlosen Severin zur Hilfe und drängt die Nachbarin aus der Wohnung.

MONI zur Nachbarin: Später immer! Sie gehen jetzt erst mal!

Dann geht sie ins Schlafzimmer. Dort liegt Nikolai auf dem Bett. Und kifft mit einem anderen Typen.

MONI: Raus!

NIKOLAI: Du? Was machst Du hier? Hat er Dich geholt?

MONI: Raus! Alle!

Sie packt die Mädels und Jungs, einer verwahrloster als der andere, sie packt sie nacheinander und zerrt sie an den Armen nach draußen. Sie grölen, maulen, weil die Party jetzt zu Ende ist, doch Moni weiß, was sie will: Eine leere Wohnung. Nikolai bleibt übrig.

NIKOLAI: Du bist und bleibst ne Spaßbremse.

Moni steht ihm gegenüber und sucht nach Worten.

MONI: Ich kriege das Kotzen, wenn ich daran denke, daß ich Dich mal geliebt habe.

NIKOLAI: Tu‘ Dir keinen Zwang an! Kotz‘ doch! Aber erst, wenn ich weg bin aus dieser Spießerbude.

Den letzten Satz sagt er in dem Moment, in dem er an Severin vorbeigeht.

Doch dann dreht er sich um zu Severin.

NIKOLAI traurige Augen: Du hast mir doch nen Schlüssel gegeben, ich dacht‘, ich wohn jetzt hier. Es war doch nur ne Party, nen bischen Spaß wollten wir haben ...

Hoffend, daß Severin ihn zurückhält und ihm verzeiht. Doch davon keine Spur. Als Nikolai dies realisiert, verläßt er die Wohnung.

Severin sackt zusammen. Moni will Trost spenden.

MONI: Hey, jetzt nur nicht schlappmachen. Ich brauch Sie noch zum Aufräumen.

SEVERIN den Tränen nahe: Wieso, wieso macht er daß? Was denken jetzt meine Nachbarn, die Kollegen ... ? Ich hab ihm doch nichts getan. Ich wollte doch nur ...

Severin ist leichenblaß, bebt vor Erregung. Tränen in den Augen.

Nach einem tiefen Durchatmen fängt er sich.

Dann beginnt er, den Müll, die Asche zusammenzuraffen. Mit blanken Händen. Severin wirkt um Jahre gealtert, alt, hilflos, armselig, jetzt, wo er die Trümmer seiner kleinen Idylle vor sich sieht.

Moni schaut sich um.

MONI: Da werden wir was zu tun haben, das steht fest.

Dann sieht sie Severin an.

MONI: N‘ Cognac?

Severin schaut sie erst an, denkt nach, nickt.

Moni geht ins Wohnzimmer, sieht die Anrichte mit den ehemals vollen Flaschen und findet noch einen Rest Cognac, den sie Severin einschenkt.

MONI: Prost.

Severin nimmt ihn auf ex.

SEVERIN: Danke. Danke für alles.

Doch die hört gar nicht hin und beginnt, aufzuräumen. Severin sieht ihr überrascht, doch dankbar zu. In dem Moment fängt er sich wieder.

SEVERIN: Moment, für sowas bin ich doch eingerichtet.

Er öffnet eine Kammertüre, holt Staubsauger, Wischmopp und andere Putzsachen heraus.

MONI: Na, also, geht doch.

Severin lächelt sie dankbar an.

28. (24.) Burgerrestaurant. I/N

Severin sitzt Moni in einem Burgerrestaurant gegenüber. Er trägt ein offenes Hemd, eine Wolljacke und ißt einen Cheeseburger, den er anschaut, als handele es sich um ein Fundstück aus einer anderen Welt.

MONI schmunzelnd: Essen Sie auch nicht so oft, oder?

SEVERIN: Nein, gar nicht. Man denkt doch immer, solche Lokale sind nur was für Euch junge Leute.

MONI: Och, ab und an sieht man schon jemand aus Deiner ... Ihrer Generation. Opa und Oma und ihre Enkel.

Severin schaut auf.

SEVERIN: Können ruhig Du zu mir sagen. Bin der Severin.

MONI reicht ihm die Hand: Moni!

Die beiden verstehen sich.

SEVERIN: Wo mag er jetzt sein?

MONI: Am Bahnhof, am Park, irgendwo, wo’s Fun gibt ... oder, wo das ist, was er für Spaß hält.

SEVERIN: Warum ist er so?

MONI Tränen kommen auf: Das ist so scheisse gelaufen alles. Ich kenn‘ den Nikolai, schon fünf, sechs Jahre. Naja, im Grunde haben wir uns schon in der Schule kennengelernt. Aber danach haben sich unsere Wege erst mal getrennt. Als wir uns dann wiedergetroffen haben, hat’s gefunkt. Sofort.

SEVERIN: Und dann?

MONI: Dann wurden wir ein Paar. War toll, so in der ersten Zeit (gerät ins Schwärmen). Er ist so ein lieber, guter Typ gewesen. Er war der beste auf der Polizeischule, hatte Freunde, war beim Sport der Beliebteste ...

SEVERIN verwundert: Was ist denn schief gelaufen?

MONI: Alles!

Moni kämpft plötzlich mit den Tränen. Severins Neugier steigt, aber er hält sich zurück. Schweigen.

MONI: Niko hat seine Eltern getötet.

Der Schock sitzt. Severin ist sprachlos. Der Burger bleibt ihm im Hals stecken.

MONI: Ein Unfall. Er saß am Steuer des Wagens seines Vaters. Der Lastwagen kam von rechts, die Bremsen ... Niko konnte nichts machen.

Jetzt weint Moni. Severin legt tröstend seinen Arm um sie. Nach kurzer Zeit:

SEVERIN: Und dann?

MONI: Strafanzeige. Wegen fahrlässiger Tötung. Nikos Ampel war rot in dem Moment, als er über die Ampel wollte. Der Lastwagen hatte zwar defekte Bremsen, aber es wäre ja nichts passiert, wenn Niko nicht bei Rot gefahren wäre. Mit ner Vorstrafe und ohne Führerschein, da geht’s nicht bei der Polizei. Der Knast blieb ihm erspart. Aber der Job war weg!

SEVERIN: Schöner Mist!

MONI: Dann mußte er aus dem Haus der Eltern raus. Der Vermieter wollte den Vertrag nicht auf Nikolai umschreiben. Zuerst zog er zu mir, aber er schlief nicht mehr, machte sich nur noch Vorwürfe. Bei der Beerdigung ist er zusammengebrochen ... Das Trinken hat er angefangen. Die Eltern hatten was gespart ... das hat er durchgebracht. Erst Alkohol, dann Drogen, immer härtere ... Party machen und so weiter und so weiter ...

Moni wischt sich die Tränen weg.

MONI: Ich hab versucht, ihm zu helfen, aber er hat mich nicht mehr an sich rangelassen, einfach dichtgemacht.

Severin ist fassungslos.

MONI: Seitdem ist Niko nicht mehr derselbe. Wenn was nicht klappt, flippt er aus. Er lebt jetzt, für den Moment; er will immer alles sofort, hat keine Geduld, und kennt nichts anderes, als ein Brecheisen, wenn er etwas erreichen will. Seine Ungeduld, und sein Jähzorn brechen durch, wenn wieder nix klappt und er scheitert. Dann gibt er sich auf. Bezeichnet sich als Mörder. Der Alkohol, die Drogen, der Strich, und dann beklaut und verarscht er die Leute – Hauptsache, er kriegt, was er will, und das ist die Kohle für’s Heroin. Tja, und nachdem er Medikamente aus dem Krankenhaus gestohlen hat ... da konnte ich einfach nicht mehr ... (leichtes Weinen) ... ich hatte nicht mehr die Kraft ....

SEVERIN: Aber Sie ... Verzeihung ... Du hältst ihm die Freundschaft?

MONI: Na, irgendwie kann ich nicht anders. Alle, alle haben sie ihn fallen lassen. Ausgestoßen, weggeworfen, wie ein Stück Abfall ... naja, und in den Kreisen, in denen er sich jetzt bewegt, da ist er noch wer ... es war doch ein Unfall!

Die Erinnerung an die Vorkommnisse nimmt sie sehr mit. Moni hängt ihren Gedanken nach.

SEVERIN: Du liebst ihn noch, oder?

In Monis Gesicht flackert ein bitteres Lächeln auf.

MONI: Am meisten macht mich fertig, daß ich ihm nicht genug Halt geben konnte danach. ... Verstehst du das? Du willst helfen, aber du schaffst es nicht ... und es gleitet dir aus den Händen. Das macht mich einfach fertig.

Sie vergräbt ihren Kopf in den Händen.

29. (25.) Straßen der Großstadt (Flußufer). A/N

Die beiden neuen Freunde setzen ihr Gespräch beim nächtlichen Spaziergang an einer Flußuferpromenade fort.

MONI: Und was ist mit Dir? Wieso lebst Du alleine?

SEVERIN: Das hat Nikolai mich auch gefragt.

MONI: Und was hast Du geantwortet?

SEVERIN: Nichts. ... Nicht wirklich. Ich ...

MONI: Ja?

Es fällt Severin sichtlich schwer, über sein Gefühlsleben zu sprechen.

SEVERIN: In unserer Generation spricht man nicht so einfach über solche Sachen.

MONI: Du bist schwul, aber traust Dich nicht, dazu zu stehen, weil Du Angst davor hast, daß man Dich schief anschaut, Dir den Job nimmt und Du quasi vom Leben auch die Kündigung kriegst.

Severin schluckt. Sein Schweigen ist eine deutliche Zustimmung.

MONI einfühlsam: So ist das nicht mehr heute.

SEVERIN: Ja, für Dich nicht. Für Euch junge Leute sicher nicht.

MONI: Für Leute Deines Alters auch nicht. ... Naja, für einige vielleicht nicht.

SEVERIN: Für die meisten schon. Davon bin ich überzeugt.

Kurzes Schweigen.

MONI: Mag sein, daß Du recht hast. Und warum findest Du keinen Freund?

SEVERIN: Wo denn?

MONI: Es gibt schwule Cafés, Kontaktanzeigen, das Internet. Chatrooms!

Doch Severin geht nicht drauf ein.

SEVERIN: Und dann die Krankheiten, die man sich holen kann. Selbst, wenn man eine Beziehung hat. Wenn der andere einen betrügt, wer weiß?

MONI: Deswegen hast Du nicht mit Niko ... ?

SEVERIN verzweifelt: Es ist diese Angst ... weißt Du, jemanden anzusprechen, dadurch entdeckt zu werden. Jemanden kennenzulernen, sich dann wer weiß was zu holen ... also, ich kann nicht über meinen Schatten springen ...

MONI bleibt kurz stehen: So kannst Du doch nicht leben. Das muß doch in den Griff zu kriegen sein ...

Severin geht nicht drauf ein.

SEVERIN: Macht es Dir gar nichts aus, daß er sich mit Männern einläßt? Du bist verliebt in ihn gewesen.

MONI relaxt: Zuerst schon. Dann nicht mehr. Sex mit Männern ist für ihn ein Job. Wie für Dich Deine Kasse. Alles Gewohnheitssache. Technik. Mehr nicht.

SEVERIN: Also, ich muß doch sehr bitten. Das kann man doch nun wirklich nicht vergleichen.

MONI: Aus seiner Sicht schon. Definitiv. Und es ist der Job, der ihm zur Spritze verhilft.

SEVERIN: Was für ein Leben ...

MONI: Nikolai ist entgleist, wie ein fahrender Zug ... einfach entgleist ...

Die beiden setzen ihren Weg nachdenklich fort.

MONI: Was empfindest Du für Nikolai?

Severin denkt nach.

SEVERIN: Es ist, als er da so hilflos an meinem Auto saß, ich dachte, vielleicht kann ich ihm helfen. Auf dem Weg ins Krankenhaus sind mir die irrwitzigsten Gedanken durch den Kopf gegangen. Ich dachte ... Mensch, vielleicht schaff ich es, den Jungen aus dem Drogensumpf zu helfen. Vielleicht könnten wir Freunde werden. Für einen Moment, da war diese Hoffnung, jemanden zu haben; jemanden, für den ich da sein kann ...

MONI: Verstehe.

Severin reißt sich aus der Mischung aus nachdenklicher Stimmung und Leidenschaft raus.

SEVERIN: Es hat jedenfalls gut getan, mal mit jemandem zu reden. ... nachdenklich ...Vielleicht, wenn ich Dich eher kennengelernt hätte ...

MONI: Ich bin jederzeit da für Dich, wenn Du mich brauchst.

Es entwickelt sich eine deutliche Zuneigung zwischen Severin und Moni. Sie stehen sich gegenüber und schauen sich in die Augen.

MONI: Eins wüßte ich aber gerne noch.

SEVERIN: Ja, bitte?

MONI: Bist Du in Nikolai verliebt?

Unbeholfen, fast linkisch, greift Severin nach Monis Hand. Doch die Antwort bleibt er ihr schuldig. Aber sie erahnt das Ja. Mindestens das Vielleicht.

SEVERIN: Danke, danke nochmals für alles.

MONI: Sehen wir uns wieder?

SEVERIN: Das hoffe ich doch!

Moni erhält den ersten Handkuß ihres Lebens.

30. (26.) Straßen der Großstadt (Weg zu Severins Haus). A/N

Severin geht alleine nach Hause. Traurig. Ein Mann mit einem Hund kommt vorbei. Der Hund läuft an einer langen Leine. Severin bückt sich nach dem Hund, der freundlich auf Severin zugeht. Severin streichelt ihn, doch das Herrchen des Hundes zerrt diesen weiter, und Severin schaut den beiden schulterzuckend bedauernd nach.

Alternativ:

Severin geht alleine nach Hause. Traurig. Ein Pärchen kommt ihm entgegen. Engumschlungen, miteinander knutschend. Severin schaut den beiden traurig nach.

31. (27.) Wohnung Severin (Diele, Wohnzimmer) I/N

Severin kommt nach Hause. Er legt ab, schließt ab, legt den Schlüssel auf die Konsole, geht ins Wohnzimmer. Ihm ist anzusehen, daß er sich nach dem Partyleben hier noch nicht wohl fühlt.

32. (28.) Wohnung Severin (Schlafzimmer). I/N

Dann geht er ins Bett. Wieder mit einem Blick auf den leeren Platz neben ihm. Anschließend vergräbt er sich tief in seinem Bettzeug.

(Zeitsprung)

Wieder ist es tief in der Nacht. Drei Uhr zeigt die Digitaluhr an. Ein Ruck ans Bett macht Severin wach. Offensichtlich unter Drogen läßt sich Nikolai auf das Bett fallen.

SEVERIN völlig schlaftrunken: Zieh Dich um! Die Tüte mit der neuen Wäsche liegt im Bad. ... Mein Gott, was red‘ ich? ... Wie kommst Du überhaupt hier rein?

NIKOLAI hält den Zweitschlüssel in die Luft: Hab den Schlüssel noch. Unterwäsche. Das war echt süß von Dir, ehrlich. Bis’chen komisch, aber süß.

SEVERIN wird langsam wacher: Der Schlüssel, sicher. Und wo warst Du?

NIKOLAI: Weg!

SEVERIN: So geht das nicht weiter, Nikolai.

NIKOLAI: Will jetzt schlafen ...

SEVERIN wird wach: So geht das nicht! Man kann nicht einfach den Zweitschlüssel behalten und stockbesoffen irgendwann auftauchen. Das ist nicht Deine Wohnung!

NIKOLAI aggressiver: Mann (ey), jetzt laß mich in Ruhe mit Deinem Gemecker!

Dann steht er wieder auf und geht aus dem Zimmer.

33. (29.) Wohnung Severin (Küche). I/N

Nikolai durchwühlt den Eisschrank. Severin folgt ihm im Bademantel.

SEVERIN: Da ist nicht mehr viel drin seit Deiner Party.

Nikolai greift sich Wurst und Brot und beginnt, sich eine Butter zu schmieren.

NIKOLAI: Da mußte mal einkaufen gehen.

SEVERIN: Muß das sein, jetzt in der Nacht?

NIKOLAI: Hab eben Hunger.

Nikolai läßt alles offen liegen und geht aus der Küche. Severin räumt alles zusammen wieder in den Eisschrank.

SEVERIN: Das kann man auch wieder wegräumen!

NIKOLAI kommt in die Küche zurück: Mann, was bist Du eigentlich für einer? Geh‘ nicht hier dran, geh‘ da nicht dran, tu das nicht, tu jenes nicht ... und, natürlich aufgeräumt sein muß alles ... Mann (ey), daß Du keinen Lover findest, ist echt kein Wunder.

Das schmerzt Severin. Er schluckt und räumt die Küche fertig auf.

NIKOLAI: Ich brauch Kohle.

SEVERIN: Ich hab kein Geld.

Dabei guckt er auf einen Hängeschrank der Einbauküche. Etwas zu deutlich; Nikolai erkennt das sofort.

NIKOLAI: Jetzt laber nicht! Du mußt doch Kohle haben. Ich brauch welche.

Entzugserscheinungen machen sich bei Nikolai bemerkbar. Den Küchenschrank läßt er nicht aus den Augen. Was Severin NICHT erkennt.

SEVERIN: Bist Du deswegen gekommen? Weil Du Geld brauchst?

NIKOLAI: Soll ich Dir einen blasen? Komm!

Nikolai rückt Severin auf die Pelle; will den Bademantel öffnen. Severin überlegt kurz, blockt dann aber ab.

SEVERIN: So nicht! Laß das!

NIKOLAI ärgerlich: Wie denn sonst? Soll ich Dir vorspielen, Du bist meine große Liebe? Ja, soll ich das? Dir einen vorschleimen? Macht Dir das nen Harten?

SEVERIN: Das ist keine Basis. Ich will schlafen. Es ist besser, Du gehst!

Severin verläßt die Küche. Nikolai öffnet den Hängeschrank, durchstöbert diesen kurz und findet – ein Sparbuch!

NIKOLAI lacht auf: Gut, wie Du willst. Dann geh ich eben!

Steckt das Sparbuch ein und verläßt Küche (und Wohnung).

34. (30.) Wohnung Severin (Schlafzimmer). I/N

Severin legt sich hin. Er hört am Türenschlagen, daß Nikolai gegangen ist.

SEVERIN: Nikolai? ... Nikolai, bist Du da?

Er geht raus in die Diele und kommt wieder zurück. Damit, daß Nikolai gegangen ist, ist Severin offenbar auch nicht zufrieden. Er schläft ein ...

(Zeitsprung)

Es ist acht Uhr, als Severin aufwacht und erschreckt feststellt, daß er verschlafen hat.

35. (31.) Vor der Stadtbank. A/T

Nikolai wartet vor der Bank übernächtigt und nervös darauf, daß die Bank öffnet. Dann endlich ist es soweit.

36. (32.) Stadtbank (Kassenhalle). I/T

Nikolai steht nervös vor der Kasse; vor dem neuen, jungen Kassierer Uwe Jondral (Bild 12). Jondral schaut sich das Sparbuch gründlich an. Den Namen des Eigentümers (eingetragen im Sparbuch) kennt er natürlich. Denkt sich aber nichts dabei.

JONDRAL: Und sie sind sicher, daß Sie das ganze Guthaben abheben wollen?

NIKOLAI: Wäre ich sonst hier?

JONDRAL: Also, wenn Sie’s ganz abheben, dann brauchen wir ne Einverständniserklärung von Herrn Lüders. Ist das der Herr Lüders, der bei unserer Bank arbeitet?

NIKOLAI wachsam: Nee, ist er nicht.

Nikolai schaut nervös zur Eingangstür. Er befürchtet natürlich, daß Severin zur Tür reinkommt. Marianne wird ebenfalls auf Nikolai aufmerksam.

JONDRAL: Wenn Sie fünf Euro stehen lassen, dann brauche ich keine Zustimmung.

NIKOLAI: Gut. Machen Sie’s so!

JONDRAL: Na dann, dann zahle ich Ihnen die ... moment ... wir müssen die Zinsen nachtragen ...

Jondral hantiert am Computer. Marianne schaut aus der Ferne rüber. Ihr Gesicht verrät Skepsis.

NIKOLAI nervös: Dauert das lange?

JONDRAL: Nein, sofort gemacht ... also, wir tragen Ihnen 4,99 € an Zinsen nach und ... das sind dann 1.865,01 € Auszahlungsbetrag.

Jondral bucht den Auszahlungsvorgang am Computer und beginnt mit der Auszahlung. Hunderter, Zwanziger, Kleingeld. Nervös rafft Nikolai des Geld zusammen und verteilt es auf Jacken- (Hunderter) und Hosentaschen (den Rest). Jondral sieht ihm zu. Nikolai will gehen.

JONDRAL ruft Nikolai nach: Moment!

Nikolai hält im Bewegungsablauf inne. Er überlegt, ob er wegrennen soll. Schaut widerum zur Tür. Marianne dagegen setzt sich in Bewegung; sie will zu Jondral.

JONDRAL: Sie haben das Sparbuch vergessen.

Nikolai geht die zwei Schritte zurück zur Kasse.

NIKOLAI: Ach so. Danke!

Dann verläßt er die Kassenhalle. Jondral schaut ihm zuerst kurz nach, bevor er sich wieder dem Computer widmet. Marianne schaut ihm jetzt über die Schulter.

MARIANNE: Was war das für ein Kunde?

JONDRAL: Ne Sparbuchauszahlung. Nichts besonderes.

MARIANNE: Welcher Name?

JONDRAL unschuldig: Severin Lüders.

MARIANNE: Severin Lüders ... und das kommt Ihnen nicht spanisch vor?

JONDRAL: Ja ... schon, irgendwie, aber ... er sagt, der Sparbuchinhaber wäre nicht bei dieser Bank.

MARIANNE: Sagt er! Klar! Wir haben ja auch ... also ... (kopfschüttelnd) ... meinen Sie nicht auch, daß Severin Lüders kein Name wie Schmitz oder Müller ist, oder was?

JONDRAL: Ja und unser Herr Lüders hätte doch bestimmt ein Kennwort, oder? Außerdem, wie soll ein solcher Typ an Herrn Lüders‘ Sparbuch kommen? Das geht doch gar nicht ...

Marianne ist jetzt sauer.

MARIANNE: Wo Sie Ihren Verstand haben, möchte ich gerne wissen, junger Mann!

Jondral weicht geknickt ihren Blicken aus. Da betritt Severin die Kassenhalle. Außer Atem.

37. (33.) Hauptbahnhof (zwischen den Schließfächern, Parkhaus). I/T

Nikolai ist gut drauf. Schaut sich suchend auf dem Bahnhof um.

Das Geldbündel in der Jacke (Hunderter) erleichtert ihm den Drogenkauf.

Er trifft andere Stricher aus dem Park, auch Manuel, und schenkt diesem sogar ein paar Tabletten.

Dann gehen sie an ein Kiosk und kaufen Bier.

Im Anschluß daran suchen sie sich einen Platz im Parkhaus vom Bahnhof und setzen sich ihre Spritzen.

38. (34.) Stadtbank (Büro Severin, Kassenhalle). I/T

Severin trifft gehetzt in der Stadtbank ein und geht schnurstracks in seinen Glaskasten in der Kassenhalle. Sofort kommt ihm Marianne nach; in ihrem Schlepptau Jondral.

MARIANNE: Morgen, Severin.

SEVERIN: War was? Tut mir leid wegen der Verspätung. Hat irgendwer was gesagt?

MARIANNE: Nein, das nicht. Aber ...

Severin schaut sie fragend an.

(Zeitsprung)

Severin sitzt schwitzend auf seinem Stuhl. Sein Gesicht ist puterrot angelaufen. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. Nur Marianne ist jetzt noch im Glaskasten. Dessen Türe ist geschlossen.

MARIANNE: Also, Severin, was ist das denn jetzt? Sollen wir die Polizei einschalten?

SEVERIN: Vielleicht gibt es wirklich einen zweiten Severin Lüders.

MARIANNE: Ich habe im Computer nachgesehen. Das ist Dein Sparbuch gewesen. Wieso leugnest Du das?

SEVERIN: Ich habe meine Gründe.

MARIANNE sarkastisch: Da bin ich mir sicher. Sind das dieselben Gründe, aus denen Du kein Kennwort hattest? Du, als Chef der Kassenhalle, hast ein Sparbuch ohne Kennwort zu Hause? Unglaublich!

SEVERIN: Marianne ... Du verstehst das nicht. Ich kann wirklich nicht darüber sprechen.

MARIANNE: Hat das was mit der jungen Frau zu tun? Bist Du ... hast Du was mit ...

SEVERIN entrüstet: Nein!

MARIANNE fassungslos: Dann begreife ich das nicht. Ehrlich nicht. Du bist offensichtlich damit einverstanden, daß man Dich beklaut. Das ist mir zu hoch!

Abrupt verläßt sie den Glaskasten und läßt einen völlig verunsicherten Severin zurück.

39. (35.) Vor dem Wohnhaus Severin. A/T

Moni klingelt bei S. Lüders, wie es auf dem Klingelschild steht. Doch niemand öffnet. Die Nachbarin öffnet ihr Fenster.

NACHBARIN: Der Herr Lüders ist sicher arbeiten. Was wollen Sie denn? Wieder das Haus in Aufruhr versetzen?

MONI: Das geht Sie nichts an. ... (bedauert ihre Worte) ... Tut mir leid. Ich wollte nicht stören.

Die Nachbarin schnaubt wütend durch die Nase und schließt das Fenster wieder. In der nächsten Sekunde hört Moni eine wohlvertraute Stimme hinter sich.

NIKOLAI off: Na, Kleines? Wen suchst Du?

Moni dreht sich um und schaut Nikolai in die Augen. Der ist auf Drogen.

MONI: Dich!

NIKOLAI: Ach, ist ja was ganz neues.

MONI: Du bist high!

NIKOLAI: Komm mit, Prinzessin!

Dann schließt er mit seinem Schlüssel die Haustüre auf. Verschwindet im Treppenhaus. Moni überlegt kurz, doch bevor die Haustüre zuknallt, setzt sie einen Fuß in die Tür.

40. (36.) Wohnung Severin (Wohnzimmer, Schlafzimmer). I/T

Nikolai macht es sich im Wohnzimmer bequem. Moni folgt ihm. Doch ihr ist es ernst.

NIKOLAI: Mußt heut nicht im Krankenhaus malochen? Komm, setz Dich! Mach’s Dir bequem!

MONI: Ich hab frei. Aber ich bin nicht zum Spaß hier.

NIKOLAI: Wozu dann? Wieder aufräumen? Habt Ihr gut gemacht.

Nikolai schaut sich selbstgefällig, gespielt anerkennend, um.

MONI: Was machst Du hier? Was hast Du mit dem alten Herrn vor?

NIKOLAI: Nichts.

MONI: Du, ich glaube, er liebt Dich.

NIKOLAI lacht: Na klar! Na klar liebt mich so’n alter Sack. Mußt mal sehen, wie er mich anschaut.

MONI: Du willst ihn doch nichts anderes als abziehen.

Stimmungsumschwung.

NIKOLAI genervt: Dieses Gequatsche wieder. Ich hab jetzt kein Bock auf Dein Pseudo-Geschlocke. Das ist es, was mir den Spaß an Dir verdorben hat. Immer nur Vorträge ... schon am Grab ...

MONI: Ich wollte Dir nur wieder auf die Füße helfen, nach dem Tod Deiner Eltern. Aber, jetzt ... jetzt will ich, daß Du aus seinem Leben verschwindest. Ich kann nicht mehr. Gib ihm seinen Schlüssel zurück und geh!

NIKOLAI provozierend, belustigt: Sind wir etwa eifersüchtig?

MONI: Quark!

NIKOLAI: Na, wer weiß. War ja auch immer schön mit uns, oder?

Nikolai geht auf Moni zu. Es ist eindeutig, was er vor hat. Er macht sich an ihr zu schaffen. Erst versucht sie, sich zu wehren.

Dann aber – Nikolais Gesichtszüge ändern sich: Ins Traurige ... er erinnert sich an die Vergangenheit. Liebevoll berührt seine Hand Monis Gesicht ... lächelt.

NIKOLAI Bilderbuchlächeln: Wir hatten doch ne gute Zeit, wir beide. Schon vergessen, damals ...

Es ist genug Liebe in Moni: Sie läßt Nikolai gewähren.

Nikolai beginnt, sie und sich selbst auszuziehen. Er drängt sie ins Schlafzimmer.

MONI schwach: Nein ...

NIKOLAI: Ich hab nicht alles vergessen, was uns beiden Spaß gemacht hat.

MONI: Ich auch nicht ... aber ich mag den alten Herrn. Ich will nicht, daß Du ihm wehtust. Nur deswegen bin ich hier. Nicht wegen Dir.

Doch sie liegt bereits auf dem Bett.

NIKOLAI: Jaja, sicher. Nur wegen dem alten Herrn.

Er ist jetzt nackt, schiebt endgültig Monis Unterwäsche runter und die beiden beginnen mit dem Sex.

NIKOLAI: Wenn Du den alten Mann magst ... wir können ja sowas wie auf Familie machen. Mal darf er an mich ran, mal Du ... wäre doch lustig, und Geld ist auch immer da.

Die Luft brennt. Die Power des Augenblicks.

SEVERIN off: Raus! Alle beide! Raus aus meiner Wohnung!

Überrascht sehen Nikolai und Moni zur Schlafzimmertür, in der Severin steht. Voller Wut im Bauch.

SEVERIN wütend: Du bestiehlst mich, ruinierst meine Wohnung ... Du bist ein Versager, ein Stricher, ein Nichtsnutz. Und Du, Moni ... von Dir hätte ich das nicht erwartet. Schleichst Dich in mein Vertrauen, redest mit mir, wie ... als wären wir Freunde, und dann ... War das ein Plan? Ein Plan, um mir das Sparbuch zu stehlen? Mein Geld und was weiß ich noch?

Severin ist außer sich.

MONI verwirrt: Bitte? Nein. Nein, kein Plan!

Sie schaut Nikolai mit einer Mischung aus Entsetzen und Frage an. Zeitgleich zieht sie sich an. Nikolai auch, aber mit Blick auf Severin langsamer.

MONI nichts kapierend: Was meint er? Welches Sparbuch?

NIKOLAI: Die paar Kröten ...

SEVERIN: Ich gehe jetzt, und wenn ich später zurückkomme, liegt mein Schlüssel auf der Konsole, hast Du verstanden? Wenn nicht, dann zeige ich Dich an!

NIKOLAI: Jaja.

Severin verläßt den Raum.

Moni geht auf Nikolai los.

MONI: Welches Geld? Welches Sparbuch?

NIKOLAI: Aus dem Küchenschrank. Hab’s genommen. Brauchte Stoff.

MONI kann’s nicht fassen: Stoff, ja, immer nur Stoff. Ist das das Einzige, was für Dich im Leben noch zählt?

NIKOLAI: Ja.

MONI: Und was ist, wenn Du älter bist?

NIKOLAI: Du meinst, so alt wie unser Alter hier? Dann bin ich tot. Dann bin ich bei meinen alten Herrschaften, und die ziehen mir auch noch eins über, für das, was ich ihnen angetan habe. ... Ach nee, geht ja nicht ... die sind ja im Himmel. Ich komm‘ ja in die Hölle. Bin ja’n Mörder.

Kurzer Stimmungsumschwung bei Nikolai.

NIKOLAI weint/schreit: Verstehst Du? Ich bin nichts weiter als ein mieser Scheisstyp, der seine Eltern umgebracht hat. Der einfach alles vermasselt im Leben ...

Moni ist angesichts dieser Antwort sprachlos.

Dann sieht sie ein Bündel Hunderter aus Nikolais Jacke quellen. Sie schafft es, das Geld an sich zu nehmen, ohne, daß Nikolai es merkt.

MONI: Du gibst es ihm zurück!

NIKOLAI: Vergiß es!

MONI: Dann tu ich’s!

Sprichts und rennt aus der Wohnung. Nikolai schaut fragend, denkt nach, geht zur Jacke und entdeckt, daß das Geld weg ist.

NIKOLAI: Scheisse!

Er durchsucht seine Hose und findet noch einen Rest, ein paar Zwanziger und das Kleingeld.

NIKOLAI: Scheisse!

Wutentbrannt läuft er ihr nach.

41. (37.) Straßen der Großstadt. A/T

Moni rennt weg von Severins Wohnhaus. Nikolai folgt ihr. Das geht so einige Straßenzüge lang. Doch Moni rettet sich durch einen Sprung in die Straßenbahn ins Zentrum. Nikolai erreicht diese Bahn noch, doch die Türen sind zu. Haßerfüllt schaut er Moni noch ins Gesicht, bevor die Bahn beschleunigt. Moni weint.

42. (38.) Stadtbank (Büro Severin). I/T

Moni befindet sich im Glaskastenbüro von Severin. Der sitzt leichenblaß an seinem Schreibtisch und hört Moni – die heftig auf Severin einredet – zu.

MONI: Es tut mir leid! Es tut mir so gottverdammt leid!

SEVERIN: Ich habe Dir vertraut. Ich dachte, Du seist der erste Mensch, mit dem ich offen reden könnte.

MONI: Das bin ich doch auch, Severin! Bitte, glaub mir, mit dem Sparbuchklau hab ich nichts zu tun. Ich bin Krankenschwester, keine Diebin.

SEVERIN: Und dann mit ihm in meinem Bett.

MONI: Er weiß eben, wie er bei mir weiterkommt. Ich hab für nen Moment ... er ist doch mein Niko, und ich ... vielleicht wird doch noch alles gut!

Severin vergräbt sein Gesicht in seinen Händen und stützt sich mit den Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab. Marianne schaut nachdenklich zu. Auch andere Kollegen beginnen zu tuscheln. Jondral zum Beispiel einer Kollegin gegenüber.

JONDRAL: Also, irgendwie scheint der nen zweiten Frühling zu haben, unser Kassenwächter.

KOLLEGIN: Aber dann so ein junges Huhn? Und guck mal, wie (billig) die angezogen ist.

In diesem Moment legt Moni Severin das Geld auf den Schreibtisch. Severin zieht es sofort an sich.

SEVERIN: Doch nicht so auffällig. Die Kollegen halten Dich nachher noch ...

Moni begreift.

MONI: Für ne Nutte?

Moni lacht sich kaputt. Aber auch Severin lächelt. Stimmungsumschwung zum Guten hin.

SEVERIN: Was gibt es da zum Lachen?

MONI: Ach, nichts. Mir war nur gerade danach ...

Sie beruhigt sich wieder.

MONI: Das Geld, das sind eintausendeinhundert. Den Rest hat er wohl ausgegeben.

SEVERIN: Das Geld ist nicht so wichtig. Das war nur mein Sparbuch für das Haushaltsgeld. Deswegen war es ja auch in der Küche.

MONI: Na, dann bin ich beruhigt.

Die beiden schauen sich in die Augen. Der Moment der Versöhnung stellt sich ein. Für diesen Moment herrscht Schweigen. Dann reicht Moni Severin die Hand.

MONI: Freunde?

SEVERIN: Freunde!

(‚Give me five‘ – von Moni ausgehend, aber ungewohnt für Severin, der entsprechend linkisch erwidert)

Marianne schüttelt den Kopf und wendet sich davon ab. Und sieht Nikolai zur Tür reinkommen. Ein Blick zu Jondral – der widerum nickt Marianne zu. Er erkennt Nikolai wieder.

Doch Nikolai hat weder Blicke für den Kassierer, noch für Marianne oder den Rest des Personals. Er sieht Severin und Moni sowie deren Umarmung. Als sie sich voneinander lösen, startet Nikolai seine Show.

NIKOLAI: Ach, macht doch weiter! Ihr seid doch soooo ein hübsches Paar. Vielleicht solltest Du Dich mal auf Deine alten Tage für junge Frauen interessieren, Severin!

In Nikolais Stimme liegt nichts anderes als blanke Verachtung. Er spricht so laut, daß alle Anwesenden – sowohl Personal als auch Kunden – auf den ungepflegten, jungen Mann aufmerksam werden. Nikolai steht im Mittelpunkt des Interesses.

NIKOLAI: Monimaus, Monimaus, wer hätte das gedacht, daß Du mich, Deinen alten Freund und vermutlich besten Lover, den Du jemals haben wirst, daß Du mich beklaust.

Severin erstarrt vor Entsetzen.

Moni ebenfalls, fängt sich aber geistesgegenwärtig wieder.

MONI: Ich habe Dich nicht beklaut. Es war Severins Geld. Ich habe ihm nur zurückgegeben, was Du ihm geklaut hast.

Nikolai lacht scheckig auf. Er setzt seinen Weg bis an die Theke vor Severins Glaskastenbüro fort. Und spricht – für jeden hörbar – laut weiter.

NIKOLAI: Daß Du Dich nicht entscheiden kannst, Monimaus, auf welche Seite Du gehörst. Weißt Du, erst schmeißt Du mich raus, dann läufst Du mir wieder nach, dann steigst Du mit mir in die Kiste und dann beklaust Du mich ...

Nikolai beginnt, die Aufmerksamkeit aller Anwesenden zu genießen. Auch Mersmund – Severins Vorgesetzter – kommt dazu. Seine Miene verfinstert sich, doch er hört zunächst mal zu.

NIKOLAI: Aber da bist Du ja genauso wischi-waschi wie unser Severin. Warum bist Du gegangen, Severin? Du hättest doch mitmachen können. Dann hättest Du mal das Gesehen, was Du schon die letzten zwei Tage sehen willst. Ach, was sag ich, Tage, vermutlich suchst Du sowas wie mich schon Dein Leben lang.

Er lächelt vielsagend in die Runde. Moni kann nicht glauben, was sich da vor ihren Augen und Ohren abspielt.

NIKOLAI: Wußten Sie eigentlich, meine Damen und Herren Oberspießer, daß Ihr Kollege Severin nachts ein ganz, ganz anderer ist? Nicht der ach so seriöse Bankangestellte, nein .... nachts, da stellt er nämlich kleinen Jungs im Park nach. Ja.... So was wie mir. Und wenn er so richtig geil ist, Ihr Kollege Severin, dann gibt er ihnen nen Zwanni und läßt sich einen blasen. Oder bläst selbst ...und wenn dann mal die Bullerei auftaucht, dann kriegt er sowas von Durchfall vor Schiss ...

MONI scharf: Das reicht! Hör auf!

MERSMUND: Das finde ich auch! Sie verlassen sofort die Bank, junger Mann! Ich gebe Ihnen drei Sekunden, dann sind Sie draußen!

Mersmund nickt Jondral zu. Der drückt einen Alarmknopf.

Marianne läßt sich geschockt auf einen Stuhl fallen. Sie weicht Severins Blicken aus.

NIKOLAI abfällig zu Mersmund: Was Du findest, daß ist mir sowas von scheißegal ist es das. ... (wendet sich wieder an alle) ... Tja, jetzt wißt Ihr also Bescheid über Euren ach so sauberen Saubermann Severin. Schwul ist er, der alte, geile Bock. Und weil er sich das nicht traut zuzugeben, kauft er sich Stricher im Park. Und wenn er mal einen mit nach Hause nimmt, so wie mich, dann schmeißt er einen sofort wieder raus, weil ich die Butter nicht wieder in den Eisschrank gestellt habe.

Lacht leicht hysterisch.

NIKOLAI: Witzig, was? So sind die Menschen ... die Butter gehört eben wieder richtig in den Eisschrank gestellt.

Zwei Sicherheitsleute betreten die Kassenhalle, erfassen die Situation sofort, stürmen auf Nikolai zu und packen ihn. Aber der wehrt sich nicht mal, lacht nur, und läßt sich von den Sicherheitsleuten festhalten.

MERSMUND: Werft ihn raus!

Die Sicherheitsleute befolgen die Anordnung und schleppen Nikolai zur Türe.

NIKOLAI: Severin, Schatz, sehen wir uns im Park?

Dann werfen die Sicherheitsleute Nikolai durch die Türe auf die Straße.

43. (39.) Vor der Stadtbank. A/T

Dort landet Nikolai unsanft auf dem Boden.

NIKOLAI brüllt: Ihr verdammte, verlogene und verfickte Bande. Ich scheiß auf Euch! Immer so tun, als wärt Ihr alles Saubermänner, und in Wahrheit – fickt Euch ins Knie!

Auch auf der Straße werden die Passanten aufmerksam. Auch eine Streifenwagenbesatzung. Als Nikolai die Polizisten wahrnimmt, steht er auf und verschwindet in der Menschenmenge.

44. (40.) Stadtbank (Kassenhalle, Büro Severin). I/T

Zurück in der Bank. Severin sitzt leichenblaß und vollkommen geschockt auf seinem Stuhl. Die Kollegen tuscheln heftig über das, wessen sie soeben Zeuge geworden sind.

Moni nimmt Severins Hand, doch der zieht sie beinahe hysterisch zurück.

SEVERIN: Laß das! Bitte geh jetzt!

MONI: Das tut mir leid. Das wollte ich nicht. Hätt‘ ich gewußt, daß er mir folgt ...

SEVERIN mit Nachdruck: Geh jetzt! Bitte!

Moni beginnt zu weinen.

MONI: Das wollte ich nicht, ehrlich!

Mersmund tritt hinter sie. Sein Gesicht wie versteinert.

MERSMUND: Sie sollten unser Haus jetzt verlassen, junge Frau! Wer oder was Sie auch immer sind. ... (zu Severin) ... Herr Lüders, meine Einladung, also, es wäre mir lieber, wenn Sie sie nicht annehmen. Das können Sie nachvollziehen, denke ich, oder?

SEVERIN stammelt: Ja, sicher ... nachvollziehen kann ich ...

MERSMUND: Gut. Dann an die Arbeit ... (abfällig) ... wenn Sie das hier überhaupt noch können.

Moni geht jetzt. Sie läßt Severin dabei nicht aus den Augen. Tränen rinnen ihr über das Gesicht.

MONI: Ich melde mich später, Severin.

Dann verläßt sie fluchtartig die Kassenhalle.

Severin sitzt derweil weiterhin starr vor Schock auf seinem Stuhl. Er sieht sich um und schaut in die Augen stumm anklagender, abweisender Kollegen. Ihre Verachtung ist unübersehbar; sie wenden sich nach und nach von ihm ab.

Auch Marianne, die ihre heftigen Tränen nicht mehr zurückhalten kann und mit einem Taschentuch vor dem Gesicht quasi aus der Kassenhalle rennt.

Severin beginnt an seinem Schreibtisch, weiterzuarbeiten. Doch die Handgriffe sitzen nicht; seine Hände zittern. Er kann nicht mal einen Kugelschreiber in die Hand nehmen. Das Telefon klingelt. Er schaut es an wie ein Wesen aus einer anderen Welt – und hebt nicht ab. Das Telefon verstummt wieder. Severin wischt sich den Schweiß von der Stirn, als sein PC den Eingang einer Email ankündigt. Severin öffnet die Email, doch er liest sie nicht. Alles um ihn herum ist unwirklich, verschwommen, nicht mehr Teil seines Lebens. Und sie beobachten ihn alle – mit einem stummen Vorwurf im Blick.

Dann erhebt sich Severin schwerfällig, nimmt seine Jacke (Sakko, Mantel, whatever) und verläßt den Glaskasten. Seinen Schlüsselbund läßt er liegen. Er schaut zu Mariannes leerem Platz, blickt zu Jondral, geht zu diesem und spricht ihn an.

SEVERIN: Ich kann das nicht ... diese Blicke.

JONDRAL mitleidig: Sie sollten ein paar Tage frei nehmen.

SEVERIN: Frei ... ja, frei ...

Er hört gar nicht richtig hin, schleppt sich schweren Schrittes zum Ausgang und verläßt die Bank. Was Marianne, die gerade wieder vom WC zurückkommt, noch sehen kann.

45. (41.) Straßen der Großstadt. A/T

Severin geht weinend und am Boden zerstört apathisch durch die Stadt. Er achtet auf nichts und niemanden – auch nicht auf den Autoverkehr.

Severin torkelt regelrecht in Trance über die Hauptverkehrsstraßen und zwingt die Kraftfahrzeuge dort zu wilden Brems- und Ausweichmanövern. Doch er hat Glück; es passiert nichts.

Die Passanten sehen, daß mit Severin was nicht stimmt und machen einen Bogen um ihn herum.

MONI off:

Ja, bis hierhin war Severins Leben noch soweit in Ordnung. Sicher, er war einsam und hat nicht sein Leben gelebt, sondern das, von dem er glaubte, daß es das Leben sei, was er für die Gesellschaft zu führen habe. Doch mit Nikos Besuch in der Bank war es vorbei. Scheiße, nee, wenn ich gewußt hätte, was ich da anrichte, dann wäre ich wegen der paar Euro nicht zu Severin in die Bank gegangen. Aber jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen, und ich muß sehen, wie ich Severin da wieder raushelfe – falls er mich ihm helfen läßt ...

46. (42.) Vor dem Wohnhaus Severin. A/Dämmerung

Die Dämmerung ergreift Besitz von der Großstadt. Die Dunkelheit legt sich wie ein Schleier über die Dächer, die Menschen, das Leben. Laternen werden angeschaltet; es wird dunkel.

Severin sitzt – nach wie vor völlig daneben – auf dem Treppenabsatz des Hauses, in dem er lebt. Er lehnt an der Mauer.

Dann fährt sein Wagen vor. Marianne sitzt am Steuer. Sie parkt ein, steigt aus und erschreckt, als sie Severin wie tot vor dem Haus sitzen sieht.

MARIANNE: Severin!

Der reagiert nicht. Sie beeilt sich auszusteigen und geht schnellen Schrittes zu Severin.

MARIANNE: Was ist mit Dir?

Severin schaut sie jetzt an. Ganz traurige Augen.

MARIANNE: Du hast Deinen Schlüssel vergessen. Da dachte ich, ich bring Dir Dein Auto gleich mit. Du bist ja einfach los, aus der Bank vorhin.

SEVERIN: Ich konnte das da nicht aushalten. Diese Blicke ... diese gottverdammten Blicke ...

47. (43.) Schloßgarten. A/N

Nikolai trifft ihm Schloßgarten ein. Von den anderen Strichern wird er lauthals begrüßt.

MANUEL: Und, hast Du was dabei?

NIKOLAI: Klar! Immer doch!

MANUEL: Cool, man!

Die Jungs gruppieren sich um Nikolai, der kleine Ampullen verteilt.

MANUEL: Und alles für lau?

NIKOLAI: Zur Feier des Tages.

DRITTER: Was hast’e denn zu feiern?

NIKOLAI: Den Sieg über die Vergangenheit!

Großes Johlen. Beifall.

Dann tauchen zwei Streifenpolizisten auf. Sofort verstecken sich die Jungs um Nikolai in den Büschen. Dort machen sie sich über die Beamten lustig.

MANUEL: Die haben auch nix vom Leben. Rennen nur rum, ihr ganzes Leben lang. Und besiegen das Verbrechen doch nicht.

NIKOLAI: Andere hängen in der Bank, den ganzen Tag. Hinter Glas. Wie im Käfig. Wie die Affen im Zoo ...

Wieder lautes Gröhlen. Dabei setzen sie ihre Spritzen.

MANUEL: Können wir wieder in die Butze von dem Alten?

NIKOLAI: Nee, laß mal, ist schlecht zur Zeit.

DRITTER: Haste die Kohle von dem?

NIKOLAI: May be. May be ...

MANUEL: Ist da noch mehr?

NIKOLAI: Mit Sicherheit!

48. (44.) Schloßgarten (andere Stelle). A/N

Moni sieht sich im Schloßgarten um. Die Dunkelheit hat inzwischen voll eingesetzt. Es sind erste Freier da, die sich Moni argwöhnisch anschauen. Was hat die junge Frau hier zu suchen?

Ein paar Stricher gehen ihrer Arbeit nach. Bändeln an. Machen Kontakte. Ist auch nicht anders, wie im richtigen Geschäftsleben. Nur eben schmutziger. Und eindeutiger. Denn Smalltalk unter Partnern, der ist hier nicht gefragt.

Moni greift sich einen Stricher.

MONI: Hast Du Niko gesehen?

STRICHER: Kenn’ keinen Niko.

MONI: Erzähl‘ keinen Mist. Natürlich kennst Du Nikolai!

STRICHER: Meinste den, dem wir unseren Schuß heute zu verdanken haben? Cooler Typ, was willst’n von dem?

MONI: Ist er da?

STRICHER mustert sie: Willste dem Ärger machen?

MONI: Geht Dich nichts an. ... wütend ... ich mach Dir gleich Ärger!!

STRICHER: Is‘ ja jut, mann ... da hinten hinter den Büschen irgendwo.

MONI: Benutzt Du auch Kondome hier?

STRICHER: Wat bist Du denn für ne komische Heilige? Die wollen ohne. Gibt extra Moos!

MONI: Ich weiß ... und ich begreif’s nicht. Ich werd’s nie begreifen.

Dann setzt sie ihren Weg in die angegebene Richtung fort.

49. (45.) Wohnung Severin (Wohnzimmer). I/N

Severin sitzt niedergeschlagen auf seinem Sessel im Wohnzimmer. Kleidung auf halb acht; fertig aussehend. Marianne kommt mit einem dampfenden Kaffee ins Wohnzimmer und setzt sich neben Severin. Die Wohnung ist ordentlich.

MARIANNE: Hier, komm, trink erstmal. Der wird Dich aufmuntern.

Severin schaut die Tasse an, nimmt sie nach einem kurzen Zögern.

MARIANNE: Siehst Du. Es geht doch.

SEVERIN: Nichts geht mehr, Marianne. Einfach nichts geht mehr.

Er stellt die Tasse zurück, ohne zu trinken. Lehnt sich müde zurück. Wirkt um Jahre gealtert. Marianne sieht ihn durchdringend an.

Dann wird Severin wieder munter. Er sieht sich um.

SEVERIN: Vielleicht sollte ich mich wirklich ändern. Mehr aus mir rausgehen. Was meinst Du?

Er springt auf, packt einen Stapel Zeitungen, wirft sie durch das Zimmer. Marianne ist fassungslos.

SEVERIN: Da, schau mal. Ist das nicht ... wie sagen die jungen Leute, ‚cool‘? Ist das nicht viel lockerer?

Auch die Kissen von der Couch, die Decke, fliegen durch das Zimmer. Von der Anrichte nimmt er eine Flasche Cognac, öffnet sie, trinkt einen Schluck aus der Flasche, wirft sie auf die Couch. Dreht die Stereoanlage laut auf. Klassische Musik.

SEVERIN: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert. Ist es nicht so? ... Scheiß-Mucke hier ...

Sucht nen Rockmusiksender. Findet ihn. Dreht noch lauter. Lacht dabei.

SEVERIN: Das Leben ist doch viel lustiger so, oder? Nicht immer so Etepetete ...

Marianne fängt sich wieder, dreht die Musik leiser.

MARIANNE: Severin, beherrsch Dich!

50. (46.) Schloßgarten. A/N

Auch Nikolai bändelt gerade mit einem Freier an. Ein relativ junger Mann, etwa 35, ganz gut gekleidet, nach erfolgreichem Yuppie aussehend (Typ Gale Harold). Moni kommt in dem Moment dazu, in dem die beiden sich einig zu sein scheinen.

MONI zu Nikolai: Ich muß mit Dir reden. Jetzt!

FREIER: Hey, was soll das denn jetzt?

NIKOLAI zu Moni: Verschwinde!

MONI: Nein! Ich bleibe. Bis Du mit mir redest!

NIKOLAI: Hey, ich hab nen Kunden, klar?

MONI: Ach, dann versau‘ ich Dir jetzt mal Dein Arbeitsleben. So, wie Du es dem Severin versaut hast.

FREIER: Also, das wird mir jetzt zu heiß hier.

MONI: Ja, gehen Sie besser. Bevor Nikolai zu Ihnen ins Büro kommt und ...

NIKOLAI jetzt rasend vor Wut: Hau ab!

Nikolai geht auf Moni los. Doch die wehrt sich gekonnt und schlägt Nikolai die Lippe blutig.

Der Freier sucht das Weite. Die anderen Leute auch; hier will niemand Ärger.

MONI: Wieso hast Du das getan?

NIKOLAI merkt, das er blutet: Scheisse, wie soll ich damit nem Typen einen blasen, verdammt?

MONI: Gar nicht! Ich hab Dich was gefragt.

NIKOLAI: Wieso hast Du mir die Kohle weggenommen?

MONI: Weil’s nicht Dein Geld war. Du hast es gestohlen.

NIKOLAI: Fuck!

MONI: Hat Dir Severin nicht geholfen, als Du blutend an seinem Wagen gesessen hast?

NIKOLAI: Ja. Und?

MONI: Hat er Dich angefaßt, ist er Dir auf die Pelle gerückt, hat er sich wie eine notgeile Schwuchtel benommen?

NIKOLAI: Nein!

MONI: Eben! Und er gibt Dir nen Wohnungsschlüssel, ist anständig zu Dir, faßt Dich nicht an ... wann ist Dir zuletzt jemand begegnet, der so zu Dir war? Wie ein Gentleman eben?

Nikolai schweigt.

MONI: Klar, lange nicht, falls es den irgendwann überhaupt mal gegeben hat. Und Du tust nichts mehr, um hier raus zu kommen und wieder der zu werden, der Du mal warst! Das scheint hier offenbar genau das Leben zu sein, das Du Dir vorstellst! Andere Typen anfassen, für Geld.

Sie spuckt aus.

MONI: Er wollte Dir ein Freund sein. Vielleicht Dir ne Zukunft aufbauen. Ohne Gegenforderungen! Ohne dafür Sex zu verlangen! Und Du? Du machst alles im ersten Anlauf kaputt und ruinierst als Dankeschön Severins Leben. Coole Leistung! Echt coole Leistung von Dir, Du Versager!

Die Worte wirken. Nikolai verzichtet auf ein Widerwort.

MONI: Da fällt Dir nichts zu ein, was? Mann, was hast Du dich verändert. Es geht immer mal was schief im Leben, aber so, wie Du Dich hast gehen lassen – damit machst Du Deine Eltern auch nicht mehr lebendig.

Nikolai schaut, als würde er ihr kein Wort glauben; mit einem Gesichtsausdruck, der besagen soll, daß sie sowieso wieder käme, wenn er – der tolle Nikolai – nach ihr riefe. Moni begreift und erwidert:

MONI: Obwohl – wir sehen uns bestimmt in der Notaufnahme, wenn Du mal wieder kurz vor’m Krepieren bist. Und jemanden beklauen, der Dich mag, der Dir ein Dach über’m Kopf bietet – weißt Du, das ist für mich das Allerletzte! Daß Du das als Ex-Polizist durchziehst ... ich kann’s immer noch nicht glauben!

Dann wendet sie sich zum Gehen, dreht sich aber noch einmal um. Ganz ruhig jetzt.

MONI: Okay, Deine Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Es ist einfach scheisse gelaufen. Aber Du hast keine Schuld. Es war nicht Deine Absicht. Wann, wann begreiftst Du das endlich?

Diese Worte bleiben nicht ohne Wirkung bei Niko.

NIKOLAI: Schon wieder diese Leier ... aber, das ... das hab ich doch nicht gewollt ... meine Familie, alles weg!

MONI: Aber ich war noch da.

NIKOLAI lieb: Dann bleib‘! Laß mich jetzt nicht alleine ...

Doch sie geht.

Sekundenlang verharrt er, starrt Moni nach. Tränen rinnen über sein Gesicht; auch Nikolai ist verletztlich. Und jetzt ist er verletzt.

Als er merkt, daß seine Worte bei Moni nichts ausrichten, fängt er sich wieder. Eine Trotzphase beginnt.

51. (47.) Wohnung Severin (Wohnzimmer). I/N

Marianne ist nach wie vor bei Severin, der zwei Gläser mit Saft o.ä. auf den Tisch stellt, sich dann in die Decke wickelt und auf einen Sessel setzt. Marianne klaubt die Zeitungen zusammen und macht Ordnung.

MARIANNE: Meinst Du nicht, daß Du mir nach all den Jahren eine Erklärung schuldig bist?

Schweigen. Severin verkriecht sich regelrecht.

MARIANNE: Wir waren ... wir sind doch Freunde, Severin. Stimmt es, was der Junge gesagt hast? Gehst Du ... gehst Du in den Park, nachts?

Die Frage auszusprechen fällt ihr schwer.

SEVERIN: Ja.

Die Antwort fällt ihm noch schwerer.

MARIANNE: All die Jahre ... die wir zusammenarbeiten, die wir befreundet sind ...

Sie weint.

SEVERIN: Es tut mir leid. Ich habe das nicht gewollt, daß das rauskommt. Nicht so.

MARIANNE: Wieso läßt Du diesen ... (angewidert) ... diesen Typen in Deine Wohnung? Wieso kann er an Dein Sparbuch?

SEVERIN: Weil, er hat mir so leid getan. Wie er aussieht ... was für ein Leben ist das für einen ... für einen Fünfundzwanzigjährigen? Und wenn Du wüßtest, was er alles durchgemacht hat ...

MARIANNE: Und das Geld?

SEVERIN: Herrgottnochmal, das Sparbuch, das war das Haushaltsgeld. Du weißt doch, wie viele Reserven ich habe. Das tut mir doch nicht weh.

Schweigen.

MARIANNE: Ich hatte ... eine Zeit lang war ich sogar in Dich verliebt.

Widerum kurzes Schweigen.

SEVERIN: Ich weiß, ich weiß es inzwischen ...

Sie nimmt seine Hand.

MARIANNE: Das muß doch all die Jahre für Dich die Hölle gewesen sein, Dich so zu verstecken. Wie hast Du das nur überstanden, so ganz alleine?

Da bricht alles aus Severin heraus. Er bekommt einen Weinkrampf. Marianne tröstet ihn, so gut sie kann; weint auch, doch Severin schüttelt sich vor Tränen.

Marianne nimmt ein Taschentuch und tupft Severin zärtlich die Tränen aus dem Gesicht. Der beruhigt sich langsam wieder; trinkt den Saft aus.

MARIANNE: Ach, Severin, das tut mir so leid. Dein ganzes Leben zu verschwenden, nur aus Angst.

SEVERIN: Nur ... nur ist gut. Ach, Marianne, wenn Du nur wüßtest, wie oft ich mir gewünscht habe, normal zu sein. Normal veranlagt. Aber ich hab mir das doch nicht ausgesucht. Ich bin eben so...

MARIANNE: Niemand macht sich selbst, Severin. Deswegen ist es auch kein Grund, sich dessen zu schämen.

SEVERIN: Das sagst Du so. Weißt Du, wievielen Männern es genauso gehen soll, wie mir? Rein rechnerisch? Kannst Du Dir auch nur im Ansatz vorstellen, wie viele Männer verheiratet sind, Kinder haben, und sich letztlich doch nach einem Mann sehnen, aber Angst vor der Reaktion der Gesellschaft haben?

MARIANNE: Das mag doch alles sein, aber warum schweigst Du mir gegenüber? Ich mag Dich doch ... das weißt Du ... und Du kannst doch mit allem zu mir kommen.

SEVERIN seufzt: Du warst mir all die Jahre eine treue Freundin. Das stimmt.

MARIANNE: Das bin ich auch jetzt noch. Daran wird sich nichts ändern. Auch wenn ich gerne mehr gewesen wäre ...

Vertrautheit und Freundschaft zwischen Severin und Marianne. Dann schlägt die Wohnungstür zu. Nikolai kommt herein. Er sieht die beiden und kommentiert die offensichtlich vertraut aussehende Szene auf seine Art.

NIKOLAI: Willst Du jetzt tatsächlich umsatteln? Bißchen spät für’n Typen in Deinem Alter, oder?

Zuerst sind Severin und Marianne erstaunt. Marianne rümpft die Nase.

MARIANNE: Junger Mann, zu unserer Zeit platzte man nicht so einfach in ein Gespräch.

NIKOLAI: Ihre Zeiten sind längst vorbei.

MARIANNE: Also ...

SEVERIN aufbrausend: Du entschuldigst Dich augenblicklich für diesen Spruch!

Severin gewinnt an Kraft. Nikolai verwundert.

NIKOLAI: So aufmüpfig auf einmal? Was willst Du? Du willst mir sagen, was ich zu tun habe?

MARIANNE: Die Frage ist doch, was Sie hier wollen? Haben Sie heute auf der Bank nicht schon genug Schaden angerichtet? Oder wollen Sie noch ein Sparbuch stehlen?

NIKOLAI: Was hat die hier zu suchen? Ich denke, daß ist unsere Wohnung?

SEVERIN: Du glaubst, daß ich Dich noch hier haben will? Ernsthaft?

NIKOLAI: In Deinem Alter bleibt Dir doch gar nichts anderes übrig, als mit Typen wir mir in die Kiste zu steigen. Oder träumst Du noch von nem Freund? Von großer Liebe oder so? Werd mal wach, Alter! Also sag jetzt nichts, was Dir hinterher leid tut, damit Du nicht wieder angekrochen kommen mußt.

Spricht’s und macht es sich auf der Couch gemütlich. Füße auf den Tisch.

MARIANNE: So viel steht fest, Severin. So lange dieser Typ hier ist, ist für mich kein Platz in Deiner Wohnung! Wirf ihn raus! Oder ich gehe. Ruf die Polizei, nur sieh zu, daß er verschwindet!

Nikolai schaut Severin an und wartet auf dessen Reaktion. Severin ist verunsichert. Er überlegt. Nein, er will Nikolai nicht rauswerfen, aber er will auch Marianne nicht vergraulen. Marianne nimmt ihm die Entscheidung ab.

MARIANNE angewidert: In Ordnung. Das reicht. Dann wünsche ich Dir viel Spaß mit diesem ... diesem Subjekt.

SEVERIN: Marianne!

Doch die ist ruck-zuck zur Türe raus.

Nikolai triumphiert.

NIKOLAI: Siehst Du, jetzt sind wir doch unter uns. Ist Dir doch lieber, oder? Tut mir leid wegen der Bank, übrigens. Sind wohl bischen die Pferde mit mir durchgegangen.

Nikolai geht auf Severin zu, öffnet dem das Hemd, zieht es ihm aus. Knöpft erst Severin die Hose auf, dann sich selbst. Severin läßt perplex alles mit sich geschehen.

NIKOLAI: Na, zur Feier des Tages? Du wirfst mich doch nicht raus, oder? Du doch nicht.

In dem Moment, in dem Nikolai seine Hose fallen läßt und in Unterhose vor Severin steht, rastet der aus und scheuert Nikolai eine.

Richtig fest. Und noch eine. Rechts und links.

Nikolai fällt völlig überrascht hin. Dabei fegt er ein Glas vom Tisch. Severin zieht sich wieder an.

SEVERIN: Du verläßt jetzt augenblicklich meine Wohnung! Für wie billig hältst Du mich eigentlich?

Jetzt steigen in Nikolais Gesicht Tränen auf. Er beginnt, heftig zu zittern.

Nikolai rappelt sich auf, sieht die Scherben des Glases und beginnt, diese zusammenzusuchen!

Severin wird verunsichert.

SEVERIN: Laß das!

Jetzt bricht Nikolai zusammen, schluchszt, weint, wie eben erst Severin. Doch mit jeder Sekunde, die Nikolai weinend vor ihm sitzt, gewinnt Severin an Stärke.

SEVERIN: Hör das Heulen auf! Such Dir nen anderen, den Du ausbeuten kannst. Auf die Show fall ich nicht rein!

Das Zittern bei Nikolai wird stärker. Er greift in die Tasche. Nur ein Zwanzig-Euro-Schein. Schiebt ihn wieder rein.

SEVERIN: Was ist mit Dir?

NIKOLAI: Gib mir Geld! Ich brauch den Stoff.

SEVERIN fassungslos: Geld? Du hast mir rund 800 € gestohlen. Da fragst Du jetzt nach Geld?

NIKOLAI: Es ist weg! Ich hab nix mehr.

SEVERIN: Dein Problem. Ich hätte Dir ne Chance gegeben, wenn ich etwas Zeit gehabt hätte. Vielleicht hätte ich Dich aus dem Sumpf rausbekommen. Vielleicht.

NIKOLAI: Dann hilf mir doch? Warum hilfst Du mir denn nicht?

Nikolai meint es ernst. Severin schaut ihn gründlich an.

SEVERIN: Das Problem ist nur, daß ich Dir kein Wort mehr glaube. Eben noch warst Du obenauf, jetzt auf einmal brauchst Du Dein Zeug?

NIKOLAI: Keiner hat mir geholfen. Alle haben mich fallenlassen. Ich kann nicht mehr, echt nicht ...

Sprichts und verläßt die Wohnung. Severin ruft ihm nach.

SEVERIN: Nikolai, warte! Wo willst Du denn jetzt hin?

Aber er läßt ihn gehen. Setzt sich wieder – völlig entkräftet – auf die Couch.

SEVERIN: Wie soll das jetzt alles weitergehen?

Nachdenklich setzt er sich hin. Läßt sich in die Couch zurückfallen, atmet tief durch. Schüttelt den Kopf. Schließt die Augen.

(Zwischenschnitt)

Bilder von Nikolai und anderen aus dem Park, Bilder von Severins Cruising-Spaziergängen sowie von Nikolais Auftritt in der Kassenhalle tauchen vor Severins Augen auf.

(Zurück zur Szene)

Als Severin seine Augen wieder öffnet ... stehen Nikolai und Moni vor ihm.

SEVERIN: Moni! Nikolai?

MONI: Hi! Wie geht’s Dir denn?

SEVERIN: Danke. Hab mich langsam von dem Schrecken erholt. Marianne war hier. Das hat mir sehr geholfen.

NIKOLAI: Und da haben sie über den bösen, bösen Nikolai hergezogen.

MONI: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Immerhin!

SEVERIN barsch: Das hast Du nach Deinem Auftritt eben ja auch verdient.

NIKOLAI: Was soll das jetzt geben? Wieder ne Moralpredigt, oder was?

MONI: Ich hab Dir eben schon gesagt, daß ich Severin sehen will. Ich will wissen, wie’s ihm geht. Es gibt eben Menschen, die interessieren sich auf für andere Menschen, nicht nur für deren Kohle für Drogen.

NIKOLAI: Also gut! Dann gebt’s mir! Beide! Legt los!

Nikolai erwartet nun massive Predigten. Severin dagegen schaltet wieder einen Gang zurück.

SEVERIN: Setzt Euch! Wollt Ihr was trinken?

MONI: Gern! Ja.

Nikolai setzt sich auch hin; versteht aber wohl selbst nicht, wieso. Severin verläßt den Raum. Nikolai und Moni sitzen schweigend nebeneinander. Nikolai jedoch wirkt unruhig, aufgekratzt und nervös. Kurze Zeit später kommt Severin mit einem Tablett mit drei Gläsern, einer Saft- und einer Wasserflasche wieder ins Wohnzimmer. Er reicht es Moni. Die nimmt ein Glas und eine Flasche und schenkt sich ein. Nikolai reagiert nicht.

MONI: Danke.

SEVERIN: Nichts zu danken.

Dann stellt er das Tablett auf den Couchtisch.

MONI: Meinst Du, Du kriegst das wieder hin auf der Bank?

SEVERIN: Ich weiß es nicht. Ich denk immer wieder drüber nach. Letztlich habe ich mir all die Jahre ja nichts zu schulden kommen lassen. Rauswerfen werden sie mich nicht können.

Nikolai sitzt beinahe apathisch daneben und sagt nichts.

MONI: Und wie kommst Du damit klar, wenn Sie Dich alle anschauen?

SEVERIN: Marianne war eben da. Ich denke, sie wird mir eine große Stütze sein.So ganz allein bin ich nicht. Vielleicht gehe ich aber auch in Rente.

Moni rückt zu Severin.

MONI: Also, Rente ist gut.

Severin schaut sie fragend an.

MONI: Schau mal, wenn Du in Rente gehst, dann ... naja, dann haben wir vielleicht mehr Zeit füreinander. Und das heißt, ich krieg‘ dann den Opa, den ich nie gehabt habe.

Severin verzieht das Gesicht und weiß nicht, ob er diese Idee als Kompliment oder als Gegenteil dessen bewerten soll.

NIKOLAI ironisch-belustigt: Wie süß. Und wenn Ihr dann in den Park geht, kauft er Dir nen Lutscher, oder was?

Nikolai fällt erst nach seinem Spruch ein, wie zweideutig dieser war.

NIKOLAI: Also mich ... grinst

MONI: Du bist und bleibst ein Arschloch.

NIKOLAI: Na eben. Ein Mörder, ein Junkie ... was soll’s also?

SEVERIN hält sich raus/zu Moni: Hast Du keine Großeltern mehr?

MONI: Schon lange nicht mehr, nein. Aber ich denke oft an sie; immer, wenn ich eine alte Frau sehe, die Ähnlichkeit mit meiner Großmutter hat, denke ich an sie.

NIKOLAI aggressiv: Jaja, und hast Sehnsucht, und sie haben Dich ja alleinegelassen, Deine Großeltern und sind einfach so gestorben, ohne Dich zu fragen. Sowas aber auch.

SEVERIN: Man weiß oft immer erst, was man an einem Menschen hatte, wenn dieser nicht mehr da ist.

MONI: Das stimmt. Ja. Aber wenigstens bleibst Du mir noch ne Zeit lang erhalten.

Nikolai steht auf. Dabei fällt das Tablett runter. Severin und Moni erschrecken.

NIKOLAI: Was für ein Geschlocke. Ist ja furchtbar.

Doch der Ausbruch zeigt, daß es heftig in ihm arbeitet. Er rauft sich die Haare, schluckt. Reibt sich eine Träne aus den Augen. Severin stellt die Gläser wieder auf den Tisch. Es ist nichts kaputt gegangen. Nikolai schaut zu Severin auf.

NIKOLAI ruhig: Du weißt, was mit meinen Eltern passiert ist?

SEVERIN: Ja.

NIKOLAI brüllt plötzlich: Ich hab’s nicht mehr verdient, zu leben. Hörst Du? So jemand wie ich hat’s einfach nicht verdient.

SEVERIN schaut ihn gründlich an: Nikolai, das Leben, was Du jetzt führst, ist kein Leben. Was Du durchgemacht hast, ist wirklich schlimm. Aber Moni ist hier, ich bin hier, und wenn Du auf uns hörst – wir helfen Dir, aus der Szene weg zu kommen. Du hängst an der Nadel, bist mit 25 ein Wrack, infizierst Dich früher oder später mit Krankheiten... das muß aufhören!

Nikolai beugt sich zu Severin und schaut dem tief in die Augen.

NIKOLAI sarkastisch: Vielleicht ist es schon zu spät. Vielleicht bin ich schon längst infiziert. Hab Aids. Und stecke Dich allein schon mit meinem Hiersein an...

MONI: Das ist nicht witzig, Niko!

NIKOLAI laut: Was bitte, was bitte ist in meinem Leben schon witzig? Meint Ihr, ich wüßt‘ das nicht selbst?

MONI: Dann ändere was! Dann tu was! Du, nur Du allein hast es in der Hand! Und ich ... (Blick auf Severin) ... wir helfen Dir dabei. Versprochen!

SEVERIN: Darauf kannst Du Dich verlassen. Wenn Du so weiterlebst, wie bisher, machst Du diesen Unfall nicht mehr rückgängig. Aber ich kann Dir helfen, aus dem Sumpf rauszukommen. Gemeinsam schaffen wir das!

Nikolai lacht hysterisch und brüllt stocksauer Severin an.

NIKOLAI: Was geht Dich der Tod meiner Eltern an? ... Aus dem Sumpf rauszukommen ... (pah) ... und als Gegenleistung darfst Du an mir rumspielen, denkst Du. Mich ficken! Einen auf heile Welt machen. Der große Gönner Severin und sein junger Freund, der ihm sein Leben zu verdanken hat? Weißt Du, wie oft ich das schon gehört habe, solche Versprechungen, solche Sprüche? Weißt Du, wie sehr die mich anwidern?

Severin lehnt sich geschockt zurück.

NIKOLAI: Wißt Ihr, wie oft ich dieses ‚Dach-über-dem-Kopf-Gelaber‘ von solchen alten Säcken wie Dir schon gehört habe?

MONI: Lieber Spießer mit Dach über dem Kopf und regelmäßigem Futter zwischen den Zähnen als zwischen Büschen im Park pennend. Ich weiß vom Krankenhaus her, wie es den Obdachlosen geht, da sei Dir mal sicher. Und ich versprech Dir, daß es nichts Schlimmeres gibt, als als rauschgiftsüchtiger Stricher in der Gosse zu landen.

NIKOLAI: Und die Alternative ist, den Houseboy für Severin zu spielen? Nein Danke!

MONI: Ich glaube nicht, daß Severin an so was denkt. Nein, Ich weiß, daß Severin nicht an so was denkt!

Nikolai schaut Severin fragend an. Moni auch. Kurze Pause.

SEVERIN durchatmend: Doch. Wenn ich ehrlich bin. An so etwas habe ich gedacht. Wißt Ihr, wenn man – wie ich – sein Leben lang fast alleine verbracht hat, dann träumt man auch davon, einem jungen Mann wie Nikolai eine Chance zu geben. Aber dabei vergißt man, daß man nur nach einer Chance für sich selbst sucht, nach einer Chance dafür, nicht mehr alleine zu sein und jemanden zu haben ... auch nachts. Da muß ich ehrlich sein.

Moni sieht, wie schwer Severin dieses Geständnis fällt. Sie nimmt seine Hand.

MONI: Du meinst es aber nicht böse. Und nur das zählt.

NIKOLAI: Mir reichts! Ich hau ab. Warum zieht Ihr nicht zusammen, he? So’n schönes Paar, wie Ihr ... ich kann mir das jedenfalls nicht mehr anhören.

MONI: Wir wollen doch nur Dein bestes. Wenn Du mitspielst, vielleicht kann Severin Dir dann einen Job besorgen. Er kennt doch soviele Menschen durch die Bank.

SEVERIN: Da geht bestimmt was!

NIKOLAI: Geht was. Ja, genau. Ich gehe!

Severin springt auf und will ihn zurückhalten. Packt Nikolai am Arm.

SEVERIN: Bleib! Bitte! Nur um Deinetwillen.

NIKOLAI bricht weinend zusammen: Nein, ich kann nicht, ich brauch das Zeug, laßt mich doch einfach gehen und mein Leben ... das soll wohl so sein ... ist vielleicht die Strafe für den Tod von Mum und Dad.

Sein Weinkrampf macht Severin und Moni für einen Moment handlungsunfähig. Nikolai wendet sich Severin zu, reicht dem die Hand.

NIKOLAI: Tut mir leid. Ehrlich. Ich wollte das alles nicht.

Severin nimmt die Hand und damit die Entschuldigung an. Für einen Moment sind die beiden sich ganz nahe. Dann verläßt Nikolai die Wohnung. Severin und Moni sehen sich ratlos an.

MONI dann prüfend: Liebst Du ihn?

SEVERIN: Nein, nicht wirklich. Es ist mehr ...

MONI: Mitleid?

SEVERIN: Ja. Sicher mag ich ihn, er ist ein lieber Mensch, glaube ich, aber so ...

MONI: Und was machen wir jetzt?

SEVERIN: Mir ist klar, daß ich nun nicht mehr anders kann, als mich dazu zu bekennen. Ich bin schwul, und jetzt muß ich da durch. Und wenn das so ist, daß soll das wenigstens für was gut sein.

MONI: Ich glaube, jetzt, wo’s raus ist, wirst Du’s einfacher haben, jemanden ...

SEVERIN: Ich fühl mich frei. ... Endlich ist’s raus. Das hat schon was... aber ich denke, wenn ich jetzt schon dadurch muß und es jeder weiß, dann soll wenigstens Nikolai die Hilfe bekommen, die ich ihm geben kann. Es sieht zwar so aus, als will er die nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß das sein letztes Wort ist.

MONI: Er wird in den Park abhauen.

Kurzes Nachdenken.

SEVERIN: Ich zieh mir was anderes an, und dann geht’s los. Wir holen ihn zurück.

MONI: Und wieso?

SEVERIN: Ich glaube, es hat so sollen sein, daß ich Nikolai treffe und daß das alles, was passiert ist, auch so passieren sollte. Alles hat einen Zweck im Leben. Ich laß den Jungen nicht hängen; ich helf ihm! Mein Wort drauf!

Severin verschwindet in der Diele. Ein hoffnungsvolles Lächeln auf Monis Gesicht.

52. Schloßpark. A/N

Nikolai erreicht den Park mit einem Taxi und reicht dem Fahrer seinen letzten Geldschein (20 €). Dann springt Nikolai aus dem Wagen und geht in den Park.

53. (48.) Schloßpark. A/N

Dort findet business as usual statt. Kontakte werden geknüpft. Das Übliche. Auch das Ledertrio zieht seine Bahnen. Nikolai wirkt aufgekratzt, geht durch den Park und begrüßt die Leute, als wäre er der Chef dort. Sie grüßen ihn zurück. Seine Familie eben. Aber Nikolai braucht Drogen. Sieht sich suchend um, setzt seinen Weg fort.

Er begegnet Manuel, der gerade mit einem Freier verhandelt.

NIKOLAI: Hi, Manou.

MANUEL: Na, altes Wrack? Alles fit im Schritt? ... (schaut nach) ... Wirst brauchen, Dein Teil, ist ne Menge Marie drin, heute.

NIKOLAI schubst Manuels Hand weg: Später.

In diesem Moment kommt das Ledertrio dazu. Sie wollen Manuel. Doch der, immer noch mit dem Freier verhandelnd, will nicht.

MANUEL: Laßt mich in Ruhe!

Doch Leder 1 läßt sich nicht davon beirren und schiebt den Freier beiseite. In Manuels Augen kommt sowas wie Panik auf; er will nicht mit den Ledertypen.

MANUEL: Laßt mich!

Die Ledertypen lachen.

Da reagiert Nikolai sauer.

NIKOLAI: Haut, ab, Ihr Lederscheisser! Verschwindet!

LEDER 1: Pass auf, was Du sagst, Penner!

NIKOLAI haßerfüllten Blickes: Selbst Penner. Er hat gesagt, er will nicht. Also halt einfach die Fresse!

Nikolai spricht laut. Seine Körperhaltung verrät seine Bereitschaft zum Angriff.

Infolgedessen werden die umstehenden Stricher und Freier aufmerksam. Ärger liegt in der Luft. Das merken auch die Ledertypen. Sie lassen von Manuel ab und gehen. Auch Manuel verzieht sich sofort mit seinem Freier in die Dunkelheit, ruft aber Nikolai noch zu.

MANUEL: Danke!

NIKOLAI: Keine Ursache!

Auch Nikolai zieht weiter. Das Ledertrio schaut ihm auf merkwürdige Weise ("Wart ab!") nach. Nikolai entdeckt seinen Dealer.

NIKOLAI: Hey!

Der Dealer reagiert nicht, sondern dreht sich um und geht weiter.

NIKOLAI: Hey, warte!

DEALER: Was willst Du?

NIKOLAI: Ich hab‘ Dich gerufen.

DEALER: Bin ich Dein Hund oder was?

Nikolai sieht sich um. Niemand in der Nähe.

NIKOLAI: Nee, aber ich Dein Kunde. Schon mal was von Kundenbetreuung gehört? Also warte gefälligst!

DEALER: Was ist?

NIKOLAI: Hey, ich brauch was.

DEALER: Gib Asche!

NIKOLAI: Später!

DEALER: Nix da. Bin keine Bank!

NIKOLAI flehend: Du kennst mich doch, Mann. Bin ich Dir jemals ne Mark schuldig geblieben?

DEALER: Wir leben im Euro-Zeitalter. Schon gemerkt?

NIKOLAI sauer: Klugscheißer!

DEALER: So schon gar nicht.

Nikolai verzweifelt.

NIKOLAI: Verdammt! Rück jetzt was raus! Ich schaffs schon wieder an! Oder willst Du ...

Nikolai knöpft sich den obersten Hosenknopf auf.

DEALER: Laß stecken, Idiot. ... (lacht verächtlich, dann warnend)  ... Hör‘ zu! Ohne Moos nix los. Ganz alter Spruch, aber immer noch hochaktuell! Ich bin Geschäftsmann, hörst Du? Ich muß Geld verdienen! Schon schlimm genug, daß ich das in diesem Umfeld tun muß, aber man muß eben dahin, wo die Kunden sind ...

Der Dealer zeigt auf die Freier.

Nikolai flucht. Er begreift, wieder anschaffen gehen zu müssen.

54. (49.) Vor dem Wohnhaus Severin. A/N

Moni sitzt schon unten in Severins Auto. Der Motor läuft. Severin kommt – erstmals in Lederjacke und Jeans – aus dem Haus, öffnet die Beifahrertür und setzt sich in den Wagen. Moni pfeift bewundernd durch die Zähne.

MONI: Cooles Outfit. Wußte gar nicht, daß Du sowas wie ne Jeans hast.

SEVERIN: Also, ne Jeans gehört doch nun wirklich zu einem modernen Menschen dazu, heutzutage, oder?

Moni schmunzelt. Severins Stirn zeigt einen Anflug von Sorge, als Moni zum Lenkrad greift.

SEVERIN: Aber bitte vorsichtig fahren ...

Moni gibt Gas. Der Wagen macht einen abrupten Satz nach vorne. Zuerst will Severin protestieren, fängt sich jedoch wieder und macht gute Mine zum bösen Spiel.

55. (50.) Schloßpark (andere Stelle). A/N

Severin und Moni kommen im Park an. Sie sehen sich um. Manuel knutscht seinen Freier von vorhin. Moni unterbricht die beiden und erntet Protest.

MANUEL: Was soll das denn?

MONI: Reg Dich nicht auf! Wo ist Niko?

MANUEL mault: Mensch, woher soll ich das denn wissen?

SEVERIN: Ist er überhaupt hier?

MANUEL: Macht einen auf dick. Ist mit ner Taxe vorgefahren. Wie so’n Großkopferter.

MONI zu Severin: Da dürfte dann sein letztes Geld für draufgegangen sein.

MANUEL: Aber er hat mir’s Leben gerettet, der Niko. Voll cooler Typ.

Severin und Moni verstehen nicht, was Manuel meint, verzichten aber auf eine Nachfrage. Sie wollen Nikolai finden.

SEVERIN: Und wo kriegt er die Drogen her?

MONI: Er schafft an, was sonst? ... Also, folgendes, wir teilen uns auf. Du da rum, ich hier lang, okay?

SEVERIN: Okay.

Moni rennt los.

SEVERIN ruft ihr nach: Monika?!

MONI: Ja?

SEVERIN: Was ist denn, wenn ich ihn finde?

MONI überlegt kurz: Weiß ich auch nicht. Viel Glück dann.

Severin schüttelt den Kopf und geht dann los.

56. (51.) Schloßpark. A/N

Während Nikolai auf Freiersuche durch den Schloßpark geht, wird er von Severin und Moni an anderen Stellen gesucht.

57. (52.) Schloßpark (andere Stelle). A/N

Nikolai setzt seine Suche nach Kundschaft fort. Er wirkt immer fahriger, nervöser, aufgekratzter. Das Ledertrio begegnet ihm wieder. Er beachtet die drei Männer nicht.

Doch die widerum beachten ihn. Sie schauen sich an, schauen sich um (niemand da), schauen zu den Büschen, setzen zum Lauf an, packen Nikolai und zerren ihn in das nächstliegende, undurchsichtige Gebüsch.

Dort fallen sie über ihn her.

NIKOLAI wehrt sich: Laßt das! Laßt das, Ihr verdammten Schweine!

LEDER 1: So sieht man sich wieder, Früchtchen. Man sieht sich immer zwei mal im Leben. Und jetzt woll’n mir mal sehen, wer Dir hilft.

Die zwei anderen halten Nikolai fest und legen ihn über einen Baumstamm, der dort liegt.

NIKOLAI: Hilfe! Verdammte Scheisse, hil ...

Der dritte steckt Nikolai ein Taschentuch in den Mund, zieht Nikolai dann die Hose runter, so daß dessen Hintern blank liegt. Doch Nikolai wehrt sich heftig. Als es dem Dritten zu bunt wird, zieht der ein Messer und sticht Nikolai damit in dessen Oberschenkel. In beide Seiten. Öffnet diese regelrecht ... Nikolai will aufschreien, doch das Taschentuch im Mund erstickt den Schrei.

Anschließend öffnet der Dritte seine Hose ... Niko wird auf brutale Weise vergewaltigt. Er verliert das Bewußtsein. Das Blut aus seinen Oberschenkelwunden rinnt die Beine hinunter.

58. (53.) Schloßpark. A/N

Severin und Moni treffen sich an einer Weggabelung wieder.

SEVERIN: Hast Du ...?

MONI: Nee, offensichtlich nicht.

SEVERIN: Und jetzt?

MONI: Weitersuchen. Irgendwie ...

SEVERIN: Ja?

MONI: Irgendwas ist passiert ... ich spür‘ das.

SEVERIN: Ich hoffe nicht.

MONI: Weiter!

Die beiden setzen ihren Weg gemeinsam fort.

59. (54.) Schloßpark (andere Stelle). A/N

Auch der dritte Ledertyp ist jetzt fertig. Nikolais Beine sind durchweg blutverschmiert. Von oben an. Ledertyp 1 schaut sich den bewußtlosen Nikolai und seinen blutigen Körper an.

LEDER 1: Dieser ganze Dreck hier ... gut, das es Kondome gibt. (zu Nikolai) Soviel also dazu, wen Du Penner nennst, oder nicht. Vielleicht überlegst Du Dir das das nächste mal, wem Du dumme Sprüche reintust.

Die drei gehen. Nikolai rutscht mit schmerzverzerrtem Gesicht von dem Ast auf den Boden. Wird wach, kann vor lauter Schmerz aber nicht schreien. Das Taschentuch steckt immer noch in seinem Mund. Dann wird er erneut bewußtlos.

60. (55.) Schloßpark. A/N

SEVERIN besorgt: Vielleicht sollten wir die Polizei rufen.

MONI: Klar. Die kommen auch wegen nem Stricher hier raus.

SEVERIN: Ich weiß nicht, so groß ist der Park auch nicht, als daß wir ihn hier nicht finden würden.

MONI: Du müßtest doch selbst genau wissen, wie viele Büsche es hier gibt, hinter denen man ... ich kanns gar nicht aussprechen.

Den beiden kommt das Ledertrio entgegen. Die Männer sind gut drauf. Moni schaut ihnen mißtrauisch nach.

SEVERIN: Hast Du denn keinen Vorschlag?

MONI gedankenverloren: Nee, im Moment nicht.

61. (56). Schloßpark (andere Stelle). A/N

Die beiden sitzen ratlos auf einer Bank. Die Szene ist abgezogen. Sie sind alleine.

SEVERIN: Hast Du eine Ahnung, wie spät es ist? Fast drei Uhr früh.

MONI: Ich weiß. Das hilft uns aber auch nicht weiter.

SEVERIN: Und wenn er mit nem ... verschluckt sich .... Kunden nach Hause ist, dann suchen wir hier die ganze Zeit umsonst.

MONI: Theorethisch hast Du recht. Aber ich glaube nicht dran. Ich spüre das.

SEVERIN: Damit wissen wir immer noch nicht, was wir jetzt tun.

MONI: Wir fahren nach Hause. Wir haben alles versucht. Und ich hab Frühschicht.

SEVERIN: Dann sei so lieb und nimm mein Auto mit. Du brauchst es eher.

MONI verwundert: Und Du?

SEVERIN: Ich bleibe. Vielleicht bringts ja noch was.

MONI: Die Bank?

SEVERIN: Ist mir egal.

Moni greift in ihre Tasche und zieht ein Handy aus der Hose.

MONI: Hier, falls was sein sollte. Meine Nummer zu Hause ist mit Zuhause abgespeichert; unter Klinik hast Du die Notaufnahme. Mußt nur die 9 drücken. Kurzwahl.

SEVERIN: Danke.

Moni will erst gehen, geht dann auf Severin zu und umarmt ihn fest.

MONI: Du bist ein feiner Kerl. Du hättest jemand nettes verdient. Mach’s gut.

Severin erwidert die Umarmung, sagt aber nichts. Dann geht Moni.

62. (57.) Schloßpark (Vergewaltigung). A/N

Nikolai erwacht aus der Bewußtlosigkeit. Die Schmerzen. Als erstes zerrt er sich das Taschentuch aus dem Mund. Steckt es beiläufig ein. Er stöhnt vor Schmerz, faßt sich an die Beine/den Hintern. Immer noch Blut. Nikolai weint verzweifelt; sein Gesicht fällt auf den Boden. Er spuckt die Erde aus.

Anschließend schleppt er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht aus dem Gebüsch auf den Fußweg zurück.

63. (58.) Schloßpark. A/Morgendämmerung

Severin ist auf der Bank eingenickt. Als die Sonne sich über die Dächer der Stadt erhebt, wacht er auf. Eine junge Frau mit ihrem Schulkind geht an ihm vorüber.

Das Kind macht Severin eine lange Nase.

KIND: Aufstehen, Du Penner!

Severin zuckt die Schulter.

SEVERIN: Bischen mehr Respekt, Kleiner. Auch ein Penner ist nur ein Mensch, und auch der verdient Respekt.

Die Mutter schüttelt den Kopf über Severin und zieht mit ihrem Kind weiter. Sie setzt ihren Weg durch den Park fort. Auch von der gegenüberliegenden Seite kommen Passanten in den Schloßpark.

Als die junge Mutter mit ihrem Kind des (asphaltierten) Weges langgeht und dann über Nikolai stolpert, stößt sie angesichts des leblosen Körpers einen Schrei aus.

(Zeitsprung)

Severin stürzt heran. Die junge Frau schreit immer noch nach Hilfe. Severin erkennt sofort, daß es Nikolai ist, der vor ihnen bewußtlos auf dem Boden liegt. Eine Blutspur zeigt, woher er gekommen ist. Severin greift zum Handy.

(Zeitsprung)

Zwei Sanitäter – Hardy und Lopes – legen Nikolai vorsichtig auf die Trage. Hardy, ein etwas älterer, gut genährter, aber sehr sympathischer Sanitäter, schaut fragend zu Severin.

HARDY: Sind Sie ein Angehöriger?

SEVERIN: Nein ... doch. Ja, ich bin ein Angehöriger!

Hardy kapiert. Severin ist der Mann sympathisch. Auch Hardy zeigt Anzeichen dafür, daß Severin ihn über diese anstehende Anfrage hinaus stärker interessiert. Hardy trägt einen kleinen Brilli am Ohr.

HARDY: Find ich gut. Dann steig ein, Angehöriger!

Severin verschwindet mit im Sanitätsauto.

64. (59.) Notarztwagen. I/T

Hardy und Lopes kämpfen um das Leben des bewußtlosen Nikolai. Dessen Beine immer noch blutverschmiert.

HARDY angewidert: Was die Schweine mit ihm gemacht haben ... das muß unvorstellbar gewesen sein.

LOPES: Das kannst Du Dir doch am besten denken, alte Tucke.

Severin guckt konsterniert.

HARDY zu Severin: Mach‘ Dir nichts draus! Der redet immer so mit mir.

SEVERIN: Macht Dir das nichts aus?

HARDY: Nö. Ist doch nun mal so, das ich ne schwule Tucke bin. Na und, was soll’s? Hab ich kein Problem mit.

SEVERIN: Auch nicht, daß man Dich so nennt?

HARDY: Nö. Was kann der denn dafür, daß der ne Hete ist?

Severin muß schmunzeln. Dann dominieren wieder die Sorgen um Nikolai seine Gedanken.

HARDY: Der schmiert uns ab.

Nullinie.

HARDY: Wiederbelebung. ... (zu Severin) ... Bist Du dafür verantwortlich?

SEVERIN: Nein. Ich hab ihn die ganze Nacht gesucht.

HARDY: Hättest ihn mal besser früher gefunden.

Wiederbelebungsversuche (Fachberatung einholen).

65. (60.) Notaufnahme. A/I/T

Der Notarztwagen hält mit Blaulicht und quitschenden Bremsen vor der Notaufnahme des Krankenhauses. Moni stürzt als erste raus. Ihr folgen zwei Ärzte. Hardy klärt die Mediziner über seine Maßnahmen auf (nach Fachberatung schreiben). Gemeinsam mit Moni und den Sanitätern schieben die Ärzte Nikolai in die Notaufnahme hinein. Moni entdeckt dabei das Taschentuch, das aus der Tasche hängt, und zupft es an sich. In dem Moment schlägt Nikolai die Augen auf, sieht Moni, greift nach ihrer Hand und erkennt das Taschentuch.

NIKOLAI: Leder ...

In diesem Moment hat Moni ein Flashback und sieht die drei Ledertypen vor Augen.

66. (61.) Notaufnahme (Wartebereich). I/T

Severin geht nervös hin und her.

MONI: Sobald die Ärzte mit ihm fertig sind, werden sie uns schon was sagen.

SEVERIN: Was ist, wenn er nicht durchkommt?

Hardy und Lopes betreten den Wartebereich. Hardy hat die letzten Worte mitgehört.

HARDY: Jungs aus seinem Gewerbe sind zwar durch die Drogen geschwächt, doch Dein Nikolai ist ein starker Typ.

SEVERIN: Er ist nicht mein Nikolai. Wenn, dann ist er sowas ... sowas wie ein Ersatz-Sohn, aber mehr nicht.

HARDY: Sicher?

SEVERIN: Sicher ... ja, ganz sicher.

Hardy zückt einen Block und einen Kugelschreiber. Er schreibt eine Nummer auf. Reicht den Zettel Severin.

HARDY: Wenn’s so ist, kannst ja mal anrufen. Wenn Du Hilfe brauchst, und vielleicht auch, wenn’s mal um Dich geht.

Severin nimmt den Zettel, traut aber seinen Augen nicht.

HARDY: Müssen jetzt los. Tschüß.

Sagt er und verläßt – sich nochmal zu Severin umdrehend – mit Lopes die Notaufnahme.

MONI lächelnd: Glückwunsch. Geht doch!

Auch Severin lächelt.

Dann kommt ein Arzt.

ARZT: Also, Sie sind ...

MONI: ... ein Angehöriger.

ARZT: Er ist schwach. Er hat unglaublich viel Blut verloren. Die Drogen, die Stich- und Schnittwunden – da ist viel Dreck in den Körper gekommen. Die Folgen der ...(räuspert sich) ... offensichtlichen Vergewaltigung, keine Ahnung, ob er’s schafft ... aber sie können jetzt zu ihm.

Kommissar Kretschmann im typischen Trenchcoat betritt den Wartebereich. Moni ahnt, wer er ist und geht auf ihn zu.

MONI: Kommissar Kretschmann?

KRETSCHMANN: Der bin ich, ja. Haben Sie mich verständigt?

MONI: Ich möchte Strafanzeige erstatten. Gegen Unbekannt. Hier, das ist ein Beweisstück.

Sie zückt das Taschentuch, das aber inzwischen in einer Gummitüte steckt.

KRETSCHMANN unwillig: Sie meinen also, wegen der Messerstecherei von heute Nacht im Schloßpark?

Kretschmann hat nicht wirklich Lust, tätig zu werden. Moni erkennt das.

MONI: Er war immerhin mal einer von Euch! ... Also: Schwere Körperverletzung und Vergewaltigung. Ich habe drei Männer unter Verdacht, die sich gerne in Lederkleidung zeigen und zu dritt auftreten. Ich würde sie wiedererkennen.

Das Gespräch wühlt sie auf. Sie weint.

KRETSCHMANN mustert skeptisch das Taschentuch: In Plastik?

MONI: War schon im Labor. Sind DNA-Spuren dran. Alles sichergestellt. Für die Beweisführung vor Gericht.

KRETSCHMANN versöhnlich: Einer von uns also. Dann woll’n wir mal schauen.

Eine Schwester tritt dazu.

SCHWESTER: Sie können jetzt zu ihm.

67. (62.) Krankenzimmer. I/T

Severin und Moni betreten das erste Klasse Krankenzimmer. Moni staunt.

MONI: Wer hat doch gar keine Versicherung mehr ...

SEVERIN: Keine Angst, er ist es mir wert.

MONI: Danke.

SEVERIN: Das kann er mir selbst sagen, bei Gelegenheit.

Nikolai liegt schlafend im Bett. Er wirkt sauber wie nie und trägt ein Nachthemd von der Klinik. Severin und Moni stellen sich ans Bett. Nikolai ist sogar rasiert.

MONI: Das hast Du alles veranlaßt?

SEVERIN: Ich wollte, daß er’s schön hat hier.

MONI: Und was kommt dann? Wenn sie ihn entlassen?

Severin schaut sie nur an, ohne etwas zu sagen.

Schweigen. Ihre Blicke ruhen dann auf Nikolai.

Der wacht auf. Realisiert nicht sofort, wo er ist. Dann erblickt er Severin und Moni.

NIKOLAI: Hey!

MONI nimmt seine Hand: Hallo! Willkommen im Leben!

NIKOLAI benommen: Wo bin ich?

SEVERIN: Im Krankenhaus. In guten Händen. In den besten.

NIKOLAI zu Severin: Hab ich Dir das zu verdanken?

SEVERIN lächelnd: Nicht der Rede wert.

NIKOLAI: Klar bin ich’s wert!

MONI schmunzelnd: Er ist scheinbar schon wieder ganz der alte.

Nikolais Gesichtszüge werden ernst.

NIKOLAI: Die Schweine ...

Tränen steigen ihm in die Augen.

MONI: Sie finden sie, keine Angst. Du hattest ein Taschentuch bei Dir ... ich hab’s untersuchen lassen.

NIKOLAI weint jetzt: Es hat so wehgetan ... es hat so verdammt wehgetan....

Nikolai bekommt einen Krampf. Er weint, schüttelt sich. Moni drückt geistesgegenwärtig den Alarmknopf.

Severin nimmt Nikolais Hand.

Nikolai drückt sie ganz fest. Schaut Severin kurz noch einmal an.

Moni rennt auf den Flur.

MONI off: Hallo! Einen Arzt, schnell!

NIKOLAI zu Severin: Danke. Paß auf sie auf, die Moni, ja? Versprich’s mir!

Dann verdreht er die Augen und stirbt.

Severin drückt die Hand Nikolais.

SEVERIN verzweifelt: Nein, nicht ... ich will Dich nicht verlieren. Dir hab ich doch mein Leben zu verdanken ....

Moni stürzt ans Bett zurück.

MONI: Nein! Nein, Du darfst nicht sterben!

Zwei Ärzte rennen ins Zimmer.

ARZT 1 zu Severin und Moni: Gehen Sie!

Sie starten die Wiederbelebungsversuche. Wieder und immer wieder. Aber vergeblich.

ARZT 1: Todeszeit 12:20 Uhr. ... (zu Severin und Moni) ... Der Kreislauf. Die OP. Die Drogen. Die Medikamente. Es war zu viel für ihn, er war einfach zu schwach. Es tut mir leid.

Dann richten sie die Decke und geben Severin und Moni die Gelegenheit zum Abschiednehmen.

Nikolais Gesicht wirkt seltsam friedlich.

68. (63.) Straßen der Großstadt. A/T

Es ist am frühen Nachmittag. Severin geht durch die herbstlichen Straßen der Gegend, in der er wohnt. Die Sonne taucht die Blätter der Bäume in ein wunderschönes Licht. Sein Gesicht verrät eine tiefe Traurigkeit.

69. (64.) Friedhof. A/T

Das Grab ist bescheiden, der Sarg von schlichter Schönheit. Severin und Moni, Manuel, ein paar der anderen Jungs aus dem Park und wohnen der Beerdigung Nikolais bei. Ein Pfarrer spricht. Severin und Moni leiden sehr. Am Ende nimmt Hardy Severins Hand ...

70. (65.) Schloßpark. A/N

Das übliche Szenario im Schloßpark. Kontakthof pur. Doch es sind ein paar neue Gesichter da. Polizisten des SEK in Zivil. Das Ledertrio zieht ebenfalls seine Runden. Severin und Moni haben sich hinter einem Baum versteckt. Als Moni das Ledertrio erkennt, löst sich Severin aus dem Versteck und geht auf die drei Männer zu. Kommissar Kretschmann erkennt das und gibt den Einsatzbefehl.

KRETSCHMANN: Zugriff!

Das Ledertrio hat keine Chance. Gegen die SEK-Beamten können sie sich nicht wehren. Einer versucht noch, wegzurennen. Man verfolgt ihn durch die Büsche. Eine kurze Rangelei, dann ist die Schlacht geschlagen.

KRETSCHMANN: Sie sind verhaftet wegen des dringenden Tatverdachtes der schweren Vergewaltigung mit Todesfolge. Ich kläre Sie jetzt über Ihre Rechte auf.

Dann führt Kretschmann sie ab.

Moni tritt an Severins Seite.

MONI: So ist er wenigstens nicht umsonst gestorben.

SEVERIN: Umsonst ... er wäre nicht umsonst gestorben, wenn das hier alles aufhören würde.

MONI: Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt. Und woher sonst sollen die Jungs hier das Geld für ihre Drogen bekommen?

SEVERIN: Vielleicht sollte man sie davon abzubringen versuchen.

Hardy tritt aus der Dunkelheit an die beiden heran.

HARDY: Das sage ich schon lange. Aber es hilft mir ja keiner dabei, die Jungs davon zu überzeugen, daß es auch wieder nen Weg zurück gibt aus dem Drogensumpf und dem Strich. Es ist ein Kreislauf, in den Du reingesogen wirst und aus dem Du glaubst, nicht mehr rauszukommen. Aber keiner hat verdient, sein Leben auf diese Weise zu verbringen! Man muß ihnen helfen! Man muß!

MONI: Wäre das nicht was für Euch, Ihr zwei Hübschen? So ne echte Aufgabe? Oder willst Du jetzt wirklich zurück in die Bank?

71. (66.) Stadtbank (Kassenhalle). I/T

Severin räumt seinen Schreibtisch im Glaskastenbüro. Die Utensilien wandern in einen Pappkarton. Hardy steht neben ihm. Die Kollegen rundherum tuscheln über Severin und Hardy, doch Severin lächelt nur. Marianne kommt dazu.

MARIANNE: Und Dein Entschluß steht wirklich fest?

SEVERIN: Ja, das tut er. Ich gehe lieber in den Vorruhestand, als daß ich mir das hier weiter antue. Schau Dich doch um, wie sie reden ...

MARIANNE: In gewisser Weise ist das doch wieder ein Weglaufen. Wieder eine Flucht.

Severin schaut sie erstaunt an und hält in seiner Bewegung inne.

SEVERIN: Eine Flucht? Na, dann warte mal ab!

Severin schiebt Hardy beiseite und stellt sich inmitten der Kassenhalle. Sofort verstummt alles Getuschel.

SEVERIN: Dreißig Jahre lang, meine Damen und Herren, habe ich hier im Hause meine Arbeit verrichtet. Dreißig Jahre lang, in denen Sie glaubten, mich zu kennen. Tatsächlich aber, so meine persönliche Bilanz, hat mich hier keiner gekannt, weil ich es auch nicht wirklich zugelassen habe. ... Es war meine Schuld, nicht den Mut zu haben, zu mir zu stehen. Die Angst vor den Konsequenzen, vor Ihrer Verachtung. ... (die anderen schauen teils betreten zu Boden) ... Und Angst, liebe Kollegen, Angst ist wie immer ein schlechter Berater. Angst zu haben, daß heißt, nicht mit klarem Kopf zu denken. Das ist im Bankwesen nicht gut, das ist aber auch in anderen Bereichen des Lebens nicht gut. Ich habe viel zu lange gewartet und wurde durch eine Begegnung mit einem jungen Mann – den sie alle hier an dieser Stelle erlebt haben – brutal aus meinem selbstgeschaffenen Reservat gerissen. ... Niemandem mehr bin ich dankbar dafür, was er für mich getan hat. ... Leider mußte ich ihn vor ein paar Tagen beerdigen. Ich kann ihm nichts mehr zurückgeben, dafür, was er für mich getan hat. Außer, mit meinem neuen Freund Hardy ... (zu Hardy) ... Nu komm schon! ... (Hardy tritt an Severins Seite)  ... versuchen, es den anderen Jungs aus den Kreisen, in denen Nikolai zu Hause war, einfacher zu machen. Zum Gedenken an Nikolai. ... Mein Freund Hardy und ich gründen einen Verein, um diesen Jungs zu helfen, in ein normales Leben zurück zu finden. Und aus diesem Grunde – und nur aus diesem Grunde – verlasse ich Sie und die Bank, die mir so lange Jahre ein Zuhause war. Und für dieses Zuhause danke ich Ihnen.

Zuerst Stille. Marianne ist die erste, die applaudiert. Die anderen schließen sich an. Und dann nimmt Severin seinen Karton unter den Arm, nimmt Hardy an die Hand und verläßt mit einer Träne im Auge die Kassenhalle in ein neues Leben.

72. (67.) Schloßpark. A/T

Ein wunderschöner Sonnenuntergang über den Bäumen des Schloßparks. Die große Anlage sieht sehr friedlich aus. Ein warmes Licht, eine herbstliche Stimmung. Severin und Hardy sitzen auf der Bank auf dem Hügel, von dem aus man auf den Park hinunterschauen kann. Sie halten ihre Hände.

MONI off:

Tja, das war also unsere Geschichte. Für den Niko ist’s echt scheisse gelaufen. Aber wie sagt man so schön ‚In jedem Ende steckt ein neuer Anfang‘. Severin kann jetzt endlich sein neues Leben beginnen, hat quasi durch Niko seinen Hardy gefunden. Und damit den Weg in ein wirkliches Leben, abseits der Angst vor dem Entdecktwerden, gefunden. Kann jetzt nen neuen Anfang machen.

Hoffentlich macht das allen Mut, die auch heute noch in einer ähnlichen Situation stecken; Angst vor dem Entdecktwerden, Flucht in die nächtlichen Parks, Angst vor der Vereinsamung. Nichts davon darf im Leben eines Menschen eine Rolle spielen, und wenn Sie jemanden kennen, der ein Leben führt wie das vom Severin, dann helfen Sie ihm raus! Jetzt! Gleich! Sofort! Es kann nicht immer ein Nikolai kommen. So jemanden zu treffen, so viel Glück hat nicht jeder. Halten Sie einfach die Augen offen! Machts gut, Severin und Hardy. Und ... mach’s gut, lieber Niko.

Traumhafter Sonnenuntergang.

Überblende Bild Niko

 

Tja, und hier trauert der Autor mit. Niko sterben zu lassen - buh, Autor kommt sich komisch vor. Schlechtes Gewissen. Aber ihn leben lassen und happy end? Paßt irgendwie auch nicht. Was nun, lieber Leser?

28.08.06